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07:18 14.11.2014
Von Jutta Rinas
Nick Hornby.
Nick Hornby. Quelle: dpa
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Hannover

Sie sind von Berufs wegen witzig. Tony Holmes und Bill Gardiner haben sich in einer Arrestzelle eines Polizeireviers im britischen Aldershot kennengelernt, nachdem die beiden im Abstand von zwei Stunden auf einer Herrentoilette an der Tennyson Street ihr Glück mit anderen Männern versuchten. Seitdem arbeiten sie als Autoren für Comedyserien zusammen. Mit großem Erfolg, zumindest im Radio. Die Sendung „The Awkward Squad“ (die es auch in der Realität gegeben hat) ist in Großbritannien ein Hit.

Aber sind die beiden auch privat witzig? Und: Ist es witzig, Witzeschreiber beim Witzeschreiben zu beschreiben? Ja, es ist. Jedenfalls wenn der Schriftsteller Nick Hornby ist. Der britische Autor ist bekannt dafür, in seinen Romanen Unterhaltung auf hohem Niveau zu präsentieren. Bislang ging es allerdings oft um Musik. Popmusik, Fankult und so. Bücher wie „High Fidelity“ oder „About a Boy“ wurden Bestseller und überdies erfolgreich verfilmt. Sein letzter Roman „Juliet, Naked“ liegt allerdings fünf Jahre zurück. Zuletzt hat Nick Hornby, 57 Jahre alt und ehemaliger Lehrer, ein Drehbuch für den Film „An Education“ geschrieben. Es wurde 2010 für den Oscar nominiert.

Vermutlich sind Erfahrungen aus dieser Zeit auch in den neuen Roman „Miss Blackpool“ mit eingeflossen. Hornbys Bücher sind immer auch autobiografisch unterfüttert. Die Story seines neuen Buches reicht aber viel weiter zurück: nach London, in die frühen Sechziger des vergangenen Jahrhunderts. In schnellen, immer genau auf Pointe gearbeiteten Dialogen, die einer Fernsehkomödie von damals alle Ehre machen würden, bildet er ein Stück Fernsehgeschichte ab: Die Etablierung der Sitcoms im BBC-Fernsehen. Die Musik kommt diesmal nur am Rande vor. Auf einem Foto in dem Buch sieht man beispielsweise Mick Jagger in einem Restaurant sitzen.

Stattdessen steht eine Frau im Mittelpunkt, die blond, vollbusig, langbeinig, und – man(n) glaubt es kaum – witzig ist. Barbara Parker, deren Schönheitsköniginnentitel dem Roman in der deutschen Übersetzung den Namen „Miss Blackpool“ gab, will ins Fernsehen und dort Comedy machen, obwohl ihr Agent ihr viel größere Chancen als Bikinimodell einräumt.

Wir befinden uns Anfang der Sechziger, Homosexualität ist in England verboten, Frauen sind Sexbomben oder Hausfrauen, dazwischen ist wenig möglich. Und lustige Menschen im Fernsehen? „Das waren Männer: Tony, Ernest, Eric, Ernie ... Niemand hieß Lucy oder Barbara: Es gab keine lustigen Frauen.“ So fasst es Barbara einmal trocken zusammen. Unter ihrem Künstlernamen Sophie Straw in der Fernsehserie „Barbara (and Jim)“ macht sie dennoch Karriere, mit dem Autorenteam Tony und Bill, dem Schauspieler Clive Richardson und dem BBC-Produzenten Dennis Maxwell-Bishop an ihrer Seite.

Das Schicksal dieser fünf, ein paar Liebesverwicklungen und ein schwules Coming-out sorgen für genau jene Portion Emotion und Drama, die auch in einer guten Komödie nicht fehlen darf. Aber Humor geht in diesem Roman über alles, frei nach der Devise: Nichts kann so schlimm sein, dass man nicht auch einen guten Witz daraus machen könnte.

Das gilt für die Protagonisten und, auf einer Metaebene, auch für Nick Hornby und sein Buch. „Miss Blackpool“ ist selbstreferenziell, der Roman beschreibt die Produktion von Komödien – und ist selbst eine, die kunstvoll nach allen Regeln des Genres gearbeitet ist. Es gibt einen grandiosen Dialog, in dem Produzent Dennis Maxwell-Bishop in einer Fernsehdiskussion den Wert von guter Unterhaltung gegen einen Vertreter der Hochkultur, einen ständig schwitzenden Misanthropen, verteidigt. Wie schrecklich sei Bildung, wenn sie einen Geist hervorbringe, der Unterhaltung verachte und damit auch alle Menschen, denen sie etwas wert sei, heißt es dort.

Hornby flicht reale Figuren aus der Zeit ein, zitiert Serien, zeigt sogar Fotos, als wolle er unterstreichen, dass sein Buch auch eine Hommage an die „Sixties“ in London ist.

Das wäre aber gar nicht nötig gewesen. Er trifft den Zeitgeist auch so genau.

Nick Hornby: „Miss Blackpool“. Aus dem Englischen von Isabel Bogdan und Ingo Herzke. Kiepenheuer & Witsch. 432 Seiten, 19,99 Euro.

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