Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Nolde-Ausstellung in hannoverscher Stiftung eröffnet
Nachrichten Kultur Nolde-Ausstellung in hannoverscher Stiftung eröffnet
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:57 12.07.2012
Quelle der Inspiration: Die ausdrucksstarken Plastiken indigener Völker regten den Maler Emil Nolde auch zu seinem Maskenstilleben von 1911 an.
Quelle der Inspiration: Die ausdrucksstarken Plastiken indigener Völker regten den Maler Emil Nolde auch zu seinem Maskenstilleben von 1911 an. Quelle: dpa
Anzeige
Hannover

Wieder gibt es in der Stiftung Ahlers pro Arte eine gelungene Zusammenarbeit zu besichtigen. Dieses Mal mit dem Ernst-Barlach-Haus in Hamburg und der Nolde-Stiftung in Seebüll. Diese Koproduktionen sind eine gelungene Strategie des hannoverschen Kunstinstituts, um sich mit Ausstellungen von musealem Zuschnitt und entsprechenden Begleitkatalogen ins Gespräch zu bringen. Außerdem knüpfen sie mit ihnen häufig an die ruhmreiche Geschichte der Kestnergesellschaft an, die im Haus der Stiftung in der hannoverschen Warmbüchenstraße viele Jahre lang ihr zweites Domizil hatte. Hausherr Jan A. Ahlers, ein getreuer Gralshüter ihrer Historie, vergisst nie, auf die Kestnergesellschaft hinzuweisen, wenn es einen Zusammenhang zwischen ihr und den aktuellen Ausstellungen der Stiftung gibt.

Auch dieses Mal geht der Blick zurück. Auf das Jahr 1948, als die während der nationalsozialistischen Kunsteiszeit geschlossene Kestnergesellschaft nach dem Krieg ihre Ausstellungstätigkeit in den Räumen, die heute der Stiftung gehören, mit einer Nolde-Ausstellung wieder aufnahm. Eine Vitrine versammelt Inkunabeln aus jener Zeit: Ausstellungskataloge, Briefe und Fotografien. Eine Aufnahme zeigt Emil Nolde (1867-1956) im Gespräch mit Bernhard Sprengel, der zu jener Zeit zum Vorstand des Hauses gehörte, und seiner Frau sowie dem damaligen Direktor der Kestnergesellschaft, Alfred Hentzen, der sich einige Jahre später in Hannover verabschiedete, um die Leitung der Hamburger Kunsthalle zu übernehmen.

Die damalige Ausstellung war von gewaltiger Symbolik, ein Plädoyer für eine Kunst, welche die Nationalsozialisten verdammt hatten. Wobei dies im Falle von Nolde eine tragische Pointe hatte, war er doch viele Jahre lang ihr treuer Parteigänger gewesen. Trotzdem hatten die Nationalsozialisten aus der Logik ihrer inhumanen Ideologie heraus recht, ihm zu misstrauen. Denn was und wie er malte, vertrug sich weder mit ihren Vorstellungen von Ästhetik noch von Rasse. Auf Nolde trifft uneingeschränkt das schöne Wort von Adorno zu, dass gute Kunst allemal klüger ist als ihr Künstler.

Das wird in dieser Ausstellung besonders deutlich. Unter dem Titel „Puppen, Masken und Idole“ widmet sie sich den Werken des Künstlers, die etwa zwischen 1910 und 1930 entstanden sind. Sie zeigen Nolde im Zenit seiner künstlerischen Kraft. Wie viele andere fortschrittliche Maler jener Zeit hat er damals die ausdrucksstarken Plastiken indigener Völker als Quelle seiner Inspiration entdeckt. Eine Reihe wunderbarer Buntstiftzeichnungen, die Nolde von 1910 bis 1912 vor den entsprechenden Exponaten im Berliner Völkerkundemuseum anfertigte, legt Zeugnis davon ab.

Ein Jahr später sammelte er auf einer zwei Jahre dauernden Reise in die Südsee exotische Eindrücke vor Ort. Dabei frönte er auch einer ganz handfesten Sammelleidenschaft, die schon lange von ihm Besitz ergriffen hatte. Im Laufe der Zeit hat Nolde für sich persönlich afrikanische Plastiken, javanische Puppen und japanische Masken erworben, aber auch europäische Keramiken und Porzellanfiguren, deren Motive ihn so beschäftigten, dass sie oft zu Sujets seiner Bilder wurden.

In der Ausstellung sind originale Teile seiner Sammlung zu besichtigen - und es ist zu sehen, was Nolde in seinen Bildern aus ihnen gemacht hat. So werden die niedlichen Fayencen der britischen Queen Victoria und ihres Prinzgemahls Albert in seiner Malerei zu herrschaftlichen Lichtgestalten vor nachtblauem Hintergrund. Eine kleine Idolfigur aus Lindenholz verwandelt sich in eine weiße Schimäre zwischen aufplatzenden Blumenblüten. Und wenn der Künstler in einem weiteren Bild einen gleichfalls aus seiner Sammlung stammenden, goldgelben Hirschen sowie einen blauen Chinesen und eine braune Idolfigur friedlich miteinander vor einem leuchtend roten Wandbehang vereint, dann ist das nicht nur eine Feier unterschiedlicher Kulturen, sondern - wie immer bei Emil Nolde - auch ein betörendes Fest der Farbe.

Bis zum 21. Oktober in der Warmbüchenstraße 16 in Hannover. Eröffnung am Freitag um 20 Uhr.

Michael Stoeber