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08:00 29.01.2011
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Die Pariser Produzenten Olivier Libaux und Marc Collin haben mehr zur Belebung des Punk beigetragen als sämtliche Postpunkprojekte der vergangenen Jahre zusammen. Denn die Franzosen haben vor sieben Jahren begonnen, ganz subtil die provokanten Botschaften der Punks der siebziger und achtziger Jahre in die hippen Kaffeebars, edlen Lofts und schicken Lounges zu schmuggeln. Sie ließen dafür Songs von The Clash, Violent Femmes und The Undertones von einem Dutzend Sängerinnen interpretieren und machten aus den harten Ansagen butterweiche Bossa-nova-Hymnen – mit Erfolg. Die fluffigen Lieder der Band Nouvelle Vague gehören seitdem zum festen Hintergrundgedudelrepertoire von Kaffeehäusern und Supermärkten, das nicht weiter stört. Am 27. januar stellten die Produzenten ihr neues Album „Couleurs Sur Paris“ im Capitol vor – und manch einer der 500 Besucher bestellte zum „Too Drunk to Fuck“-Cover der Dead Kennedys einen Milchkaffee.

Die Stücke vom neuen Album sind eine Hommage an die Pioniere des französischen Rock und New Wave wie Elli & Jacno, Indochine und Stephan Eichner. Und auf dem Album machen prominente Sängerinnen wie Vanessa Paradis und Cœur de Pirate daraus auch die Musik gewordenen Roibusch-Tee-Aufgüsse. Doch auf der Bühne bricht dann doch der Punk aus der Wohlfühloase aus. Die mitgereisten Frontfrauen Nadeah Miranda und Melanie Pain präsentieren in hautengen Kleidern und Netzstrumpfhosen eine verruchte Rock-’n’-Roll-Show. Lasziv tanzen sie am Bühnenrand, lassen ihre Haare wie bei einem Metalkonzert kreisen, werfen sich ins Publikum und lassen sich auf Händen tragen. Die sonst grazil gehauchten Hits „Love Will Tear Us Apart“ von Joy Division, „Master and Servant“ von Depeche Mode und „Eisbär“ von Grauzone schnoddern sie schon mal rotzig ins johlende Publikum. Das Konzert wird zur züchtigen Burlesque-Show samt gefühlter 30 vorgetäuschter Orgasmen auf der Bühne. So sexy war Altherrenpunk noch nie.

Und so entschädigt das großartige Konzert am Ende auch etwas für all die Bands, die Nouvelle Vague im Stile folgten und bis heute bekannte Metal-, Punk- und Rocksongs weich spülen. Denn auch wenn selbst Punks mittlerweile aufs Kakaopulver auf dem Latte macchiato bestehen, darf ihre Musik auch mal stören – denn dafür wurde sie einst geschrieben.

Jan Sedelies

29.01.2011
Uwe Janssen 29.01.2011
29.01.2011