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Kultur Olga Grjasnowa ist in der Sprache daheim
Nachrichten Kultur Olga Grjasnowa ist in der Sprache daheim
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20:12 03.04.2012
Von Martina Sulner
Foto: Olga Grjasnowa: Sorgt für Furore mit „Der Russe ist einer, der Birken liebt“.
Olga Grjasnowa: Sorgt für Furore mit „Der Russe ist einer, der Birken liebt“. Quelle: Fietzek
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Ein Satz fällt fast immer: „Sie können aber gut Deutsch.“ Das hören Menschen mit Namen, die nicht so vertraut klingen, oder solche mit dunklerem Teint oft. „Sie können aber gut Deutsch!“ heißt auch das vor Kurzem erschienene Buch von Lena Gorelik. 1981 in St. Petersburg geboren, kam Gorelik elf Jahre später mit ihrer russisch-jüdischen Familie nach Deutschland und veröffentlichte als Mittzwanzigerin ihren ersten Roman „Weiße Nächte“, geschrieben auf Deutsch. Lena Gorelik ist eine deutsche Autorin mit, wie es eher unbeholfen heißt, Migrationshintergrund.

Dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, spiegelt sich, natürlich, auch in der Literatur. Die jüngere deutschsprachige Literatur ist reich an erfolgreichen Autoren, die nicht in Deutschland, Österreich oder der Schweiz geboren sind. Rafik Schami, der aus Syrien stammt, gehört dazu, Saša Stanišic und Zoran Drvenkar aus dem ehemaligen Jugoslawien, Emine Sevgi Özdamar und Feridun Zaimoglu aus der Türkei, Terézia Mora, Ilija Trojanow, der in Rumänien geborene Catalin Dorian Florescu, der im Herbst den Schweizer Buchpreis erhalten hat, und viele weitere. Jetzt ist eine weitere Stimme dazugekommen: Olga Grjasnowa, deren erster Roman „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ für Furore sorgt.

In ihrem Debüt erzählt die 1984 geborene Autorin, angelehnt an ihre Autobiografie, die Geschichte von Mascha. Mascha ist in Baku in Aserbaidschan geboren, gehörte dort zur russisch-jüdischen Minderheit und gelangte in den neunziger Jahren mit ihren Eltern nach Hessen. Als der Roman einsetzt, lebt sie mit ihrem Freund Elias in Frankfurt am Main. Die begabte Frau bereitet sich auf ihr Dolmetscherdiplom vor; sie spricht mehrere Sprachen fließend, und in einigen weiteren kann sie sich gut verständigen. Als Elias nach einer Operation stirbt, bricht Maschas Welt zusammen. Erst verkriecht die Frau sich in ihrer Wohnung, dann nimmt sie einen Übersetzerjob in Israel an.

Grjasnowas Icherzählerin gehört zu der Generation, die es gewohnt ist, durch die Welt zu reisen, deren Freunde auf verschiedenen Kontinenten leben und für die Fragen der Nationalität kaum eine Rolle spielen. Einerseits. Andererseits erzählt der Roman davon, dass und wie Mascha und ihre Freunde immer wieder mit Fragen nach Herkunft und Zugehörigkeit konfrontiert werden. Cem etwa muss sich häufig die Frage gefallen lassen, woher er denn komme. Aus Frankfurt, sagt er dann. Nein, nein, woher er denn wirklich stamme. Er sieht nun mal türkisch aus, und da fällt es manchen Gesprächspartnern schwer zu begreifen, dass Cem Deutscher ist. Ein anderes Beispiel ist Sami. Er stammt aus dem Libanon, ist in Frankreich aufgewachsen, lebte in Frankfurt und promoviert jetzt in den USA - über den deutschen Idealismus.

Ihnen geht es ähnlich wie Mascha, die von sich sagt: Immer wenn sie das Wort Migrationshintergrund „las oder hörte, spürte ich, wie mir die Gallenflüssigkeit hochkam. Schlimmer wurde es lediglich beim Adjektiv postmigrantisch“. Und noch schlimmer vielleicht, wenn jemand sie auf ihren jüdischen Hintergrund reduzieren möchte. Ein Bekannter etwa behandelt Mascha, wie sie sagt, „als seinen persönlichen Teddyjuden. Mein einziger Makel war, dass ich nicht geradewegs aus einem deutschen Konzentrationslager kam.“

Dennoch spielt die Herkunft für die Icherzählerin eine große Rolle, auch wenn sie das lange nicht wahrhaben will. Nach und nach erfährt der Leser von Maschas traumatischen Erfahrungen in Baku während des Kriegs zwischen Aserbaidschan und Armenien 1991.

Die Verhältnisse in diesem Roman sind kompliziert. Olga Grjasnowa, die am Leipziger Literaturinstitut studiert hat, erzählt temperamentvoll. Viele Begebenheiten sind nur angedeutet, manche Figuren nur skizziert, und der häufige Wechsel der Schauplätze wirkt atemlos, manches bleibt oberflächlich. Doch mit ihrer trotzigen, verletzlichen Mascha ist der Autorin eine Hauptfigur gelungen, die sich dem Leser einprägt, der man wünscht, etwas Ruhe und Geborgenheit zu finden.

Die findet Mascha, wenn überhaupt, wohl nur bei anderen Menschen. Denn einen Ort, an dem sie sich vollends geborgen fühlt, eine Heimat, hat sie nicht.

Heimatlosigkeit bedeutet in Grjasnowas Buch aber nicht, dass die Protagonistin sich zwischen zwei Kulturen zerrissen fühlt. Sie und ihre Freunde begreifen sich als Teil einer global vernetzten, gebildeten Schicht, der simple Zuordnungen - man muss entweder deutsch oder türkisch oder russisch sein - fernliegen.

Das war in der „Gastarbeiter-Literatur“ in den siebziger, frühen achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts noch anders. In den Büchern ging es oft um Menschen, die weder in der alten noch in der neuen Heimat dazugehörten und darunter litten. Mittlerweile ist das Zusammenleben in Deutschland komplexer geworden - und die Gegenwartsliteratur durch Migranten aus der ehemaligen UdSSR und dem ehemaligen Jugoslawien vielfältiger. In einigen Jahren werden sich wohl auch afrikanische Migranten stärker zu Wort melden.

Doch in den Neuerscheinungen dieses Frühjahrs geht es - anders als bei früherer „Migranten-Literatur“ - auch darum, dass die Autoren ihre Rolle im Einwanderungsland selbstbewusst betrachten: Lena Goreliks Buch „Sie können aber gut Deutsch!“ heißt im Untertitel: „Warum ich nicht mehr dankbar sein will, dass ich hier leben darf und Toleranz nicht weiterhilft“. Und die in die Schweiz eingewanderte Irena Brežná erzählt in ihrem Roman „Die undankbare Fremde“ vom Eigensinn einer Migrantin, die sich nicht nur anpassen möchte an ein Land voller Ordnungshüter und Kehrmaschinen.

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