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Kultur Schwamm drüber!
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00:15 12.06.2013
Von Rainer Wagner
Foto: Ist das Kunst oder kann das weg?
Ist das Kunst oder kann das weg? Quelle: Thomas M. Jauk
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Hannover

Hatte sich da mal wieder ein präpotenter Regisseur an einem sakrosankten Werk vergriffen? Alles halb so schlimm, denn Gastregisseur Olivier Tambosi hat die Geschichte nicht zugespitzt, sondern eher entschärft. Womit er allerdings möglicherweise die Wagnerianer unterschätzt und gewiss diese Oper verharmlost.

Tambosi hat erkannt, dass es in den „Meistersingern“ um drei Geschichten geht. Da ist die Liebesgeschichte, die zumindest kurzfristig wie eine Dreiecksaffäre aussieht. Da ist der ewige Streit zwischen der Tradition und der Moderne, dem Bewahrten und Bewährten und dem Neuen. Und da ist schließlich der laut verkündete Anspruch, dass nur die deutsche Kunst die wahre Kunst sei.

Katharina Wagner hat das alles in Bayreuth 2007 zu einer Geisterbahnfahrt mit vielen Comic-Elementen verarbeitet. Hans Neuenfels hat 1994 in Stuttgart Hans Sachs nicht in Nürnberg, sondern im Haus der deutschen (Nachkriegs-)Geschiche angesiedelt. Und Peter Konwitschny hat 2002 in Hamburg die Meistersinger auf offener Bühne über ihr Tun diskutieren lassen.

Olivier Tambosi aber kehrt die Konflikte unter einen bunten Flickenteppich. Der liegt in einem Multi-Kulti-Niemandsland. „Nuremberg“ kommt nur ganz am Anfang als kleine Legoland-Kopie vor, ansonsten spielt das Geschehen vor oder unter der gekippten Wand, an der in vielen Sprachen die Liebe beschworen wird. Eine Schusterstube gibt es in Bengt Gomérs Bühnenbild schon, aber keine Festwiese und auch keinen kostümträchtigen Aufzug der Zünfte, was den Rechnungswart der Staatsoper freuen dürfte. Carla Caminati kann sich darauf konzentrieren, die Akteure in T-Shirts mit dem Aufdruck von Ortsnamen zu stecken (besonders sinnig: Der von Shavleg Armasi georgelte Nachtwächter trägt die Aufschrift Hannover auf der Brust).

Ganz am Ende ziehen dann alle ihre Trikots aus wie nach einem gewonnenen Ballspiel. Nur Beckmesser trägt weiterhin die Aufschrift „Erde“ auf der Brust: Stefan Adam singt den Pendanten auf Freiersfüßen ja auch sehr geerdet.

Zuvor hatte Hans Sachs die von Tambosi veränderte Botschaft verkündet. Der souveräne Albert Pesendorfer macht das mit der Hand in der Hosentasche, damit gar nicht erst Pathosverdacht aufkommt. Und setzt nun „wahre Meister“ (statt der deutschen Meister) und „ewig neue Kunst“ (statt der heli’gen deutschen Kunst) gegen „seichten Dunst und seichten Tand“ ( statt welchschem Tand). Das ist nun einerseits gotteslästerlich, weil es heil’ge Wort des Meisters antastet, aber andererseits auch teletubbymäßig putzig. Das könnte jeder „arte“-Zuschauer als Plädoyer gegen das Unterschichtenfernsehen vortragen. Diese Konfliktentschärfungsstrategie passt zu einer Inszenierung, die aus einer vielschichtigen Geschichte mit herben Untertönen einen milden Mittsommernachtstraum macht. Da wird aus der nächtlichen Prügelei, die durchaus anarchische Züge tragen kann, kaum mehr als eine Kissenschlacht mit Anfassen.

Immerhin kann Karen Kamensek ihr Niedersächsisches Staatsorchester fast unfallfrei durch die Prügelfuge führen. Dass der Chor im Festfinale mächtig vorne steht, erleichtert die Koordination, lässt ihn aber auch (vor)laut klingen. Die Generalmusikdirektorin schlägt sicherheitsbewusst nicht nur in den Tempi einen Mittelweg ein, agiert zielstrebig und umsichtig und kann im dritten Aufzug zumindest taktweise jenen sinnverwirrenden Fliederduft aufscheinen lassen, den die Inszenierung verweigert. Statt Flieder gibt es ein Apfelbäumchen! Albert Pesendorfer (Sachs) und Stefan Adam (Beckmesser) gehören zu den Garanten des Abends, Per Bach Nissen als Pogner kann da nicht ganz mithalten. Josefine Weber ist eine souveräne Eva, der man stimmlich etwas mehr Jungmädchenglanz wünschen würde.

Der gewohnt höhensichere Robert Künzli als Ritter Stolzing bestreitet die Nürnberger Meistersinger-Casting-Show mit gelegentlich eigenwilliger Vokalfärbung, aber großer Tapferkeit und hat den Sieg verdient. Doch als Publikumslieblinge machen ihm im hannoverschen Opernhaus Ivan Tursic als David und Mareike Morr als sehr jugendliche Amme Magdalena den Rang streitig.

Am Ende Zuspruch und Widerspruch für die Inszenierung, und man wüsste gerne, ob die Gegner sich über- oder unterfordert fühlten. Herzlicher, aber nicht sehr anhaltender Beifall für alle Musiker. Es war eben doch ein langer Abend. Ein großer wäre schöner gewesen.

Weitere Vorstellungen am 16., 23. und 26. Juni. Karten gibt es unter (05 11) 99 99 11 11 und unter www.oper-hannover.de