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07:41 02.07.2014
Christoph Willibald Gluck .
Christoph Willibald Gluck . Quelle: dpa
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Und nicht erst die „Iphigenie“-Premiere war eine Sensation. Schon die Proben waren ausverkauft. Denn nicht nur die Musik des heute vor 300 Jahren in Erasbach in der Oberpfalz als Sohn eines Försters geborenen Gluck faszinierte die Franzosen. Auch die Persönlichkeit ihres Urhebers garantierte Kurzweil. Gluck überwachte die Einstudierung von „Iphigenie in Aulis“ auch mit rustikalen Mitteln, beschimpfte Stars, tyrannisierte Sänger, erniedrigte Musiker, schloss, folgte man im Saal dem Geschehen nicht andachtsvoll, auch das vornehme Publikum in seine Tiraden ein. Er konnte es sich leisten. 1774 stand Gluck als lebende Legende auf dem Gipfel seines Ruhmes.

Richard Wagner schrieb 1851 in „Oper und Drama“, erst mit Gluck gehe „die Herrschaft in der Anordnung der Oper mit Bestimmtheit auf den Komponisten über. Damit verweist Wagner auf einen Wesenszug der Reformen Glucks, mit denen er in Paris wie vorher in Wien die Welt der Oper veränderte: die Beschneidung der Feier des Gesangs um seiner selbst Willen. Tatsächlich waren die Gattungen, gegen die Gluck sich wandte, erstarrt. Die Libretti verharrten im so hohen wie hohlen Ton, die Opera seria wurde von der Selbstläuferei der Da-capo-Arie überwuchert, die Tragédie lyrique verdorrte im Dauer-Récit.

Das größte Verdienst Glucks war es, aus beiden eine Synthese geschaffen zu haben. Seine Reformen sind heute präsenter als die Werke, die aus ihnen erwuchsen. Von seinen 50 Opern ist nur „Orfeo ed Euridice“ noch im Repertoire.
Natürlichkeit – dieser Begriff fällt oft, wenn von Glucks Reformen die Rede ist. Doch was heißt das auf der Oper? Was ist natürlich daran, wenn ein antiker Sänger in der Unterwelt singend seine verblichene Gattin zurückholt? Es geht um die Kraft der Musik. Und tatsächlich übt die Schlichtheit, mit der Glucks Orpheus im Jenseits zu rühren vermag, auch heute einen unentrinnbaren Sog aus. Aber auf Dauer, vor allem bei den Pariser Werken, lässt sich kaum leugnen, dass der Zahn der Zeit beharrlich nagte. Und was reformatorisch an ihnen ist, revolutionär gar, das können wir nachlesen, doch kaum nachempfinden. Denn dazu fehlt heute die Präsenz jener Werke, gegen die Gluck sich abgrenzte.

Der historische Gluck ist schwer zu fassen. Dass er bei Nacht und Nebel das Vaterhaus verließ, um sich der Musik zu widmen, dass er in Prag Logik studierte, mit Operntruppen Europa durchmaß, das alles glaubt man zu wissen, weil er, schon als Berühmtheit, es so erzählte. Die Persönlichkeit dieses Komponisten gleitet uns zwischen den Fingern hindurch.

Bleibt noch die Frage, was bleibt. Es ist überraschend viel: Gluck, der 1787 in Wien starb, gilt nicht umsonst als Erfinder des modernen Orchesters. Er ist der Kronzeuge für die epochale Instrumentationsschule des Hector Berlioz, die Richard Strauss später überarbeitete. Er erhob die Klangfarbe zur Ausdruckskategorie, machte das Streichertremolo zum Ereignis. Und die posaunenumwölkte Friedhofsszene aus „Don Giovanni“ wäre ohne Mozarts Gluck-Kenntnis nicht vorstellbar. Gluck schärfte wie keiner vor ihm das Bewusstsein des Publikums und seiner Komponistenkollegen.

Von Peter Korfmacher

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