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Kultur „Oper auf dem Lande“ in Eckerde
Nachrichten Kultur „Oper auf dem Lande“ in Eckerde
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18:38 08.07.2012
Von Rainer Wagner
Foto: Das „Ballett am Deister“ klöppelt im Rittergut Eckerde I bei Barsinghausen einen enthusiastischen Holzschuhtanz.
Das „Ballett am Deister“ klöppelt im Rittergut Eckerde I bei Barsinghausen einen enthusiastischen Holzschuhtanz. Quelle: Insa Catherine Hagemann
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Hannover

Die Baronin hat recht: „Auf dem Lande will ich bleiben, auf dem Lande ist’s so schön.“ Dass sie nur eine Bühnenfigur aus der Lortzing-Oper „Der Wildschütz“ ist, schmälert den Wahrheitsgehalt ihrer Aussage nicht. Man muss sich nur umschauen im Rittergut Eckerde I bei Barsinghausen. Als Wetterbericht war ihr Bekenntnis allerdings nicht gedacht.

Prompt zieht es dunkel herauf am Sonnabendnachmittag. Die Stimme der Natur, von der später noch ausgiebig gesungen wird, plätschert erst, prasselt dann und donnert gar. Nur gut, dass die gastgebende Familie von Heimburg keine Schönwetterkarten ausgegeben hatte. So passen alle 200 Besucher in den liebevoll zur Kunstscheune umgebauten Kuhstall. Hans-Peter Lehmann, der Initiator der Reihe „Oper auf dem Lande“, zeigt, dass ein Spielmacher auch ein Umbaudirektor ist. Wenn man wegen Regens nicht die idyllische Garteninsel im Gutspark bespielen kann, muss eben eine Gartenbank eine Amphore verkörpern.

Zum fünften Mal wurde die „Oper auf dem Lande“ in Eckerde bei Hannover zur Attraktion für Freunde der Idylle.

„Lortzing – Ein Wildschütz wird zum Waffenschmied, ein Zar zum Zimmermann“ heißt das diesjährige Programm. Das klingt ein bisschen umständlich, aber die versprochene „Hommage an den Dichter und Komponisten“ ist hochwillkommen. So recht zu verstehen ist schließlich nicht, warum der aktuelle Opernbetrieb die deutsche Spieloper seit vielen Jahren so vernachlässigt. Albert Lortzing war nicht nur ein Komponist mit einem Händchen für Opernschlager, sondern auch ein gewiefter Theaterhandwerker, ein Komödiant und ein Menschenkenner. Nicht ganz so sarkastisch wie Johann Nepomuk Nestroy (der rätselhafterweise auch fast von unseren Bühnen verschwunden ist), sondern versöhnlicher. Aber doch mit kritischem Blick nicht nur auf den Adel, der bei Lortzing nicht unbedingt auch edel ist.

Es kommt eben, wie der auch als Nestroy-Darsteller erfolgreiche Lortzing auf einen Nestroy-Text singen lässt, „auf die Art und Weise an“. Und die ist bei der „Oper auf dem Lande“ eine entwaffnende Mischung aus jugendlicher Begeisterung, lässiger Professionalität und einem Laienengagement, das man früher als Dilettantismus gepriesen hätte (ehe dieser Begriff für den Nichtfachmann einen negativen Beigeschmack bekam). Dilettare, also „sich erfreuen“ wollen hier schließlich alle.

Etwa der Extrachor des Heimatchores Eckerde, der die Belegschaft des „Waffenschmieds“ verstärkt und auch das Personal auf dem Schloss mimt, in dem der Schulmeister Baculus (famos: Daniel Dropulja) um seinen Job, die Ehre seiner Braut und um „5000 Taler“ kämpft. Die junge Gruppe vom „Ballett am Deister“ klöppelt mit Begeisterung den Holzschuhtanz, und es ist gut, dass mittlerweile doch wieder die Sonne scheint und man umziehen konnte vor das Rittergutshaus. Im etwas überakustischen Kuhstall hätten einem wohl doch die Ohren geklungen.

Dass Lortzing als Textdichter durchaus zeitgemäß wäre, beweist nicht nur Götz Philipp Körner, der als Georg (aus dem „Waffenschmied“) die Weisheit verkündet: „Man wird ja einmal nur geboren.“ Heute ginge das als „Carpe diem“ bei jedem Work-Life-Balance-Seminar über die Bühne. Für die Balance sorgt dann erst mal die Dorfgemeinschaft mit ihrem Imbissangebot in der Pause. Dann kommt „Der Wildschütz“. In einer gekürzten Fassung, aber die Highlights sind dabei. Dietmar Sander darf daran erinnern, dass der Graf von Eberbach ein Echo auf Mozarts „Figaro“-Grafen ist.

Juliane Harberg als überspannte Gräfin ist ebenso amüsant wie Maximiliane Schünemann als Baronin Freimann und die mezzosatte Camille Lehmeier als Nanette. Julia Bachmann ist ein lebensdralles Gretchen. Götz Philipp Körner ein charmanter Baron Kronthal und Regisseur Hans-Peter Lehmann, „ei verbibsch“, als Haushofmeister der Drahtzieher des Ganzen. Dirigent Matthias Wegele hat musikalisch alles im Griff.

Am Ende sorgt „die Stimme der Natur“ für allgemeinen Freispruch. Das Publikum bejubelt die Oper und das Landleben – und den gelungenen Cocktail aus Idylle und Ironie.

Am kommenden Wochenende zu erleben in der Sigwardskirche Idensen, am 21. und 22. Juli im Edelhof Ricklingen. Infos unter www.operaufdemlande.de.

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