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Kultur Optimismus wagen im Herrenhäuser Gespräch
Nachrichten Kultur Optimismus wagen im Herrenhäuser Gespräch
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20:45 14.09.2012
Im Diskurs: Thomas Bauer, Naika Foroutan und Hans-Georg Ebert (von links). Im Vordergrund Eren Güvercin. Quelle: Reichmann
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Hannover

Warum nicht mal was Optimistisches: Der Titel des 16. Herrenhäuser Gesprächs „Islam heute - eine Religion im Wandel!“ wurde nicht zufällig mit einem Ausrufezeichen abgeschlossen. Damit setzen sich die Veranstalter, NDR Kultur und Volkswagenstiftung, bewusst vom Tenor unseres Debattenwesens ab, das gern an verbreiteten Ängsten ansetzt. Die von Stephan Lohr moderierte Podiumsdiskussion versammelt dagegen Wissenschaftler, die sich als Kenner in Fragen des Islam und der Migration ausgewiesen haben.

Thomas Bauer, renommierter Islamwissenschaftler aus Münster, beklagt, dass in unserer Gesellschaft kaum Wissen über den Islam verbreitet ist. In unserem von den Schulbüchern mitbestimmten Geschichtsbild würden die Leistungen der arabischen Kultur, die im Mittelalter nicht nur auf den Gebieten der Naturwissenschaft und Medizin dem Abendland weit voraus waren, kaum gewürdigt. Es werde beispielsweise auch verdrängt, dass der Minnesang arabischen Mustern bis in Sprachbilder und Strophenform folge. Auch die heutigen theologischen Debatten und der Wandel des Islam würden hierzulande schlicht und einfach ignoriert.

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Unkenntnis beklagt auch der Leipziger Islamrechtler Hans-Georg Ebert. Wenn beispielsweise von der Scharia die Rede sei, verenge sich der Blick auf den kleinen strafrechtlichen Teil. Zudem kenne man hier die Traditionen der unterschiedlichen islamischen Rechtsschulen nicht, die das Recht über Jahrhunderte immer weiter entwickelt hätten.

Die aber seien auch den islamistischen Extremisten nicht geläufig, wie Eren Güvercin, Journalist und Buchautor („Neo Moslems - Porträt einer deutschen Generation“) betont. Tatsächlich verfügen die Islamisten nicht über die Kenntnis der religiösen Tradition. Insofern ist auch die verbreitete journalistische Floskel von den „mittelalterlichen“ Salafisten völlig verkehrt. Diese Gruppe sei ein Produkt der Moderne, berufe sie sich doch auf einige säkulare Theorien.

Dabei ist es Konsens an diesem Abend, dass die schlichte Teilung in säkular (gut) und religiös (schlecht) nicht weit führt, schließlich beriefen sich die Totalitarismen des 20. Jahrhunderts auf säkulare Ideologen. Und auch die Forderung, Muslime müssten erstmal die Aufklärung hinter sich bringen, verliert doch einiges von ihrer Plausibilität, bedenkt man, dass Kolonialismus und Holocaust nach der Aufklärung stattfanden.

Islamrechtler Ebert sieht auch in der höheren Religiösität in muslimischen Kulturen keine Gefahr. Er warnt dabei vor unserer „Islamisierung der islamischen Länder“: Nicht alle Probleme dort hätten mit dem Islam zu tun. Diese Gesellschaften seien zudem viel weniger von Religion imprägniert, als man hier glaube, betont Bauer. Außerdem sei der Islam pluralistisch, „die“ islamische Kultur existiere überhaupt nicht. Bauer sieht unser Islamverständnis auch als Folge unseres Bedürfnisses nach einem neuen Feindbild. Schon lange vor dem 11. September sei der Islam (als Religion) zur großen Gefahr erklärt worden.

Wie ist es nun zu deuten, wenn Einwanderer hierzulande offensiv für eine repräsentative Moschee in unseren Städten streiten? Als Zurückweisung von Integration? Die Berliner Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan schlägt eine ganz andere Lesart vor: Das zeige doch gerade, dass man einen Platz in dieser Gesellschaft haben, also dazugehören wolle.

Güvercin bezweifelt überdies, dass viele junge Leute mit sogenanntem Migrationshintergrund am Problem der „gespaltenen Identität“ leiden. Viele neigten allerdings zur Resignation, wenn wieder einmal in den Medien Klischees über sie verbreitet würden. Er warnt die Jungen aber davor, eine Opferhaltung einzunehmen.

An diesem Abend jedenfalls überwog der Optimismus, was die Chancen der Integration angeht, zumal Bauer in Deutschland eine „Intellektualisierung des Islam“ beobachtet. Aber man könne nicht nur Forderungen an die Migranten stellen, sondern müsse auch etwas anbieten. Ebert rät etwa zu einer Veränderung unseres Staatskirchenrechts. Foroutan musste allerdings die Stimmung trüben: Neuere Untersuchungen besagen, dass Deutschland mit Polen, Italien und Ungarn zu den am stärksten islamfeindlichen Ländern Europas gehört.

Die Aufzeichnung des Gesprächs sendet NDR Kultur am 7. Oktober um 20 Uhr.

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