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Kultur Musiker erobern mit "Dark Ride" das Ihme-Zentrum
Nachrichten Kultur Musiker erobern mit "Dark Ride" das Ihme-Zentrum
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12:26 28.10.2017
Hinter schwarzen Gardinen: Percussionist bei „Dark Ride“. Quelle: Meyer-Arlt
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Hannover

Vor 40 Jahren soll an diesem Ort etwas Unheimliches geschehen sein: Ein Orchester, das hier zur Eröffnung aufspielen sollte, ist verschwunden. Nun werden wir Besucher aufgefordert, uns auf die Suche nach den Seelen der Musiker zu begeben. Sie können überall sein: in den vergessenen Zimmern auf dieser verfluchten Etage, hinter Wänden, in Schränken.

Das Orchester im Treppenhaus – eine der heißesten Künstlerinitiativen der Stadt – hat das Ihme-Zentrum erobert. Die 14 Musiker bespielen mehr als zehn Räume in der vierten Etage. In Kleingruppen zu etwa 15 Personen werden die Zuschauer durch eine Installation geführt, die einer Geisterbahn gleicht.

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Es ist ein unmögliches, verrücktes und poetisches Wunderland, das die Orchestermitglieder (unter der Regie von Damian Schipporeit) hier eingerichtet haben: In einem Raum schneit es, ein anderer Raum verengt sich trichterartig, sodass man selbst – wie Alice im Wunderland – zu wachsen scheint.

Ein Hauch der Unendlichkeit

Liftboys und Liftgirls mit bleichen Gesichtern begleiten die Besucher in die Gruseletage. Vor der Tür sitzt jemand im Halbdunkel und lässt eine Säge singen. Die Gruppe wird in den vernebelten Flur geführt und ist dann auf sich selbst gestellt. Wir betreten einen fahl beleuchteten Raum. Sollen wir die Schranktüren öffnen, die so merkwürdig angeleuchtet werden? Jemand traut sich, öffnet eine Tür – eine Klarinette beginnt zu spielen. Ein Zuschauer öffnet eine weitere Tür der Schrankwand: Ein Horn setzt ein. Hinter den anderen Türen warten eine Querflöte und ein Fagott auf ihren Einsatz.

Die Seelen der Musiker: Wir haben sie gefunden. Und seelenvoll ist das, was sie spielen: Das Gebet „Ave verum corpus“ vertont von William Byrd. Im nächsten Raum spielt die grandiose Cellistin und Sängerin Ashia Bison Rouge. Der Raum, ein ehemaliges Büro, ist mit Laub ausgelegt, alles ist voller Nebel. Neben der Musikerin fängt ein Fernseher das Ur-Rauschen des Weltalls ein. Ashia Bison Rouge spielt „Nature Boy“ von Eden Ahbez und kombiniert das mit Passagen aus Schuberts „Winterreise“. Sie setzt Loop-Effekte ein, mit denen sie sich selbst begleitet, und auch hier spüren die Zuhörer einen Hauch von Unendlichkeit.

Nächste Station: Hinter halbdurchsichtigen Vorhängen spielen eine Violinistin, ein Percussionist und ein Akkordeonist. Klänge verwehen. Es ist Musik („Diastema“ von Tomas Dusatko) wie kurz vorm Verstummen. Dann werden wir in einen ganz abgedunkelten Raum geführt. Wir tasten uns zu den Sitzplätzen. Das Orchester im Treppenhaus spielt blind das Adagio aus dem Streichquartett Nr. 6 f-Moll op. 80 (MWV R 37), dem letzten Werk des Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy. Im Dunkeln berührt Musik ohnehin mehr als sonst – hier ist das aber mehr: Es ist Teil einer großen Feier der Vergänglichkeit.

Berührt, beglückt und verwundert verlässt man das Ihme-Zentrum. Das Orchester im Treppenhaus hat einen mit seinen Variationen über Zeit, Vergänglichkeit und Unendlichkeit in andere Welten entführt.