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Kultur „Orly“: Angela Schanelec beobachtet Reisende am Flughafen
Nachrichten Kultur „Orly“: Angela Schanelec beobachtet Reisende am Flughafen
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20:13 03.11.2010
Von Stefan Stosch
Einsam unter vielen: Maren Eggert am Flughafen Orly.
Einsam unter vielen: Maren Eggert am Flughafen Orly. Quelle: Piffl Medien
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An kaum einem anderen Ort hat man mehr Zeit als am Flughafen. Ob man will oder nicht. Jeder nimmt früher oder später auf den Plastiksesseln im Transitbereich Platz. Und das Warten beginnt. Erst nach ungezählten Lautsprecherdurchsagen darf man in die Maschine. Da kann die Zeit schon lang werden. Oder ist die Warterei womöglich etwas, was man schätzen lernen sollte? Ist die erzwungene Tatenlosigkeit eine Chance? Ist Flughafen-Zeit gestohlene Zeit oder vielleicht sogar geschenkte Zeit?

Die Berliner Filmemacherin Angela Schanelec gilt als Vertreterin der „Berliner Schule“, zusammen mit anderen eigenwilligen Regisseuren wie Christian Petzold oder Thomas Arslan. Wenn’s um die Wirklichkeit geht, dann schauen Schanelec und ihre Kollegen etwas genauer hin.

Schon in ihren früheren Filmen hat Schanelec Menschen beim vermeintlichen Nichtstun beobachtet („Plätze in Städten“, „Mein langsames Leben“, „Marseille“). In ihrem Spielfilm „Orly“ hat sie die Bedingungen noch einmal verschärft. Es handelt sich um ein aufschlussreiches Experiment. Der Titel könnte lauten: Warten für Fortgeschrittene.

Der Pariser Großflughafen Orly, Transitbereich. Hier kann man den anderen sowieso nicht entkommen. Warum also nicht miteinander reden? Schanelec versammelt Paare und Passanten. Zwei Fremde (Natacha Régnier, Bruno Todeschini) enthüllen einander zur eigenen Überraschung ihre Lebens- und Liebesbeziehungen – und kommen einander dabei gefährlich nahe, bevor sie mit verschiedenen Zielen nach Übersee entschwinden. Eine Mutter und ihr beinahe erwachsener Sohn (Mireille Perrier, Emile Berling) sind unterwegs zur Beerdigung vom Exehemann/Vater – und geben beim Zwangsaufenthalt Geständnisse preis, wie es zu Hause offenbar nicht möglich war. Ein Rucksack-Pärchen (Jirka Zett, Lina Falkner) spürt die Entfremdung des jeweils anderen – aber noch spricht keiner von beiden darüber. Und eine Frau (Maren Eggert) sucht die Einsamkeit unter vielen: Dann endlich wagt sie es, den Abschiedsbrief ihres Mannes in ihrer Handtasche zu lesen.

All diese Menschen hat die Regisseurin ganz unauffällig im Getümmel postiert. Beinahe dokumentarisch sieht das aus, Kameramann Reinhold Vorschneider filmt mit Teleobjektiv aus der Distanz, nur für Momente rückt er die Protagonisten in Großaufnahme extrem nah ans Publikum heran. Die Schauspieler verschwinden gelegentlich fast zwischen den echten Reisenden, gelegentlich werden sie sogar durch Passanten verdeckt.

Gedreht hat die Regisseurin während des laufenden Flugbetriebs in Orly. Einchecken, Schlangestehen, Sicherheitskontrolle. All das ist abgefilmtes Wirklichkeitstheater, ausgebreitet hinter Orlys luftiger Glasfassade wie in einem gigantischen Schaufenster. Unklar bleibt, wer hier – abgesehen von den Schauspielern selbst – überhaupt von den Filmaufnahmen wusste. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion sind nicht zu erkennen.

Im geschlossenen System Flughafen liegt beides ganz nah beieinander: konzentrierter Dialog und flüchtiges Hinhören. Jeder Satz hier ist öffentlich – und irgendwie auch ganz intim. Die Begegnungen in diesen zwei Stunden können über zukünftiges Miteinander entscheiden, sind zugleich jedoch bestimmt von Gleichmut, vielleicht sogar von Gleichgültigkeit.

Was in diesem Film Abschied ist und was Neubeginn – das wissen wohl nicht einmal die Beteiligten selbst. Schanelecs 83 Minuten lange Entdeckung des Stillstands ist ein faszinierendes Experiment über Menschen im Übergang.

Abschiede, Neubeginn: Spannende Beobachtungen.
Ab 5. November im Künstlerhaus.

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