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21:17 04.05.2015
Von Stefan Stosch
Vom Flop an den Kinokassen zum Klassiker der Filmgeschichte: „Citizen Kane“ – mit Regisseur Orson Welles in der Titelrolle. Quelle: 3sat
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Hannover

Er ist mit mehr Filmprojekten gescheitert, als er erfolgreich beendet hat. Aber das spielt keine Rolle, denn Orson Welles hatte den Platz im Kino-Olymp seit seinem 25. Lebensjahr sicher: Da schenkte der am 6. Mai vor 100 Jahren geborene US-Regisseur der Welt „Citizen Kane“, jene der Wirklichkeit nachempfundene Geschichte um einen Zeitungsmogul, die heute in beinahe jedem Ranking um den besten Film aller Zeiten den ersten Platz belegt.

Damals, im Jahr 1941, war „Citizen Kane“ allerdings ein Flop - was zuerst an dem missgestimmten Verleger William Randolph Hearst lag, der sich zu Recht in der polarisierenden Titelfigur wiedererkannte. Hearst versuchte, sämtliche Kopien aufzukaufen. Als ihm dies misslang, zettelte er eine Medienkampagne gegen den Film an. Er war ziemlich erfolgreich: Bei der Oscar-Verleihung ein Jahr später buhte das Publikum bei jeder Nennung des Films - und „Citizen Kane“ war neunmal nominiert. Dem Nachruhm des Werks, das die Kinokunst seiner Zeit verdichtete wie kaum ein zweites, mit verschachtelten Rückblenden, Überblendungen, langen Kamerafahrten glänzte, konnte Hearst nichts anhaben.

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Später kämpfte Welles mit zunehmender Verzweiflung darum, sich im System Hollywood zu behaupten. Der Sohn eines Geschäftsmannes und einer Konzertpianistin galt als schwer zu bändigendes Enfant terrible, doch ging es ihm stets darum, die Integrität seiner Werke zu verteidigen. Um sie zu finanzieren, trat er auch selbst immer wieder vor die Kamera. Seine berühmteste Rolle war die des skrupellosen Schwarzmarkthändlers Harry Lime in „Der dritte Mann“. Irgendwann ließ sich Welles auch für Werbung für kalifornische Weine einspannen.

Hollywood hätte vor diesem Ex- zentriker gewarnt sein müssen. Der Wunderregisseur hatte schon zuvor die Grenzen eines anderen Mediums ausgetestet: Sein Hörspiel „Krieg der Welten“ inszenierte er 1938 so, dass es wie eine echte Reportage wirkte. Die Radiozuhörer sollen mächtig irritiert gewesen sein. Ob sie an diesem Abend just vor Halloween tatsächlich den Angriff Außerirdischer befürchteten und in Panik gerieten? Diese Wirkung war dann vielleicht doch zuerst eine gelungene Erfindung der Boulevardpresse.

An seinem letzten Film „The Other Side of the Wind“ arbeitete Welles die letzten 15 Jahre seines Lebens, ohne ihn ins Kino bringen zu können. Bis heute ist die Geschichte über einen alternden Regisseur (gespielt von John Huston - mit dabei sind auch Stars wie Dennis Hopper und Lilli Palmer), der auf Sex und Crime setzt, um seine Karriere anzukurbeln, nicht zu sehen gewesen.

Zu Welles’ 100. Geburtstag ist der Film auch dank der Arbeit des Welles-Freundes Peter Bogdanovich endlich fertig und startet nun zumindest in den USA - mehr als vier Jahrzehnte nach Beginn der Dreharbeiten, drei Jahrzehnte nach Welles’ Tod und nach endlosen Streitereien um die Rechte. Vielleicht entdecken wir ja nun noch ein weiteres Meisterwerk. Und wenn nicht: Zumindest der Oscar, den der Drehbuchautor Welles mit „Citizen Kane“ gewann, soll in „The Other Side of the Wind“ als Requisit auftauchen.

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