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Kultur Oskar Negt stellt „Der politische Mensch" vor
Nachrichten Kultur Oskar Negt stellt „Der politische Mensch" vor
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12:20 03.06.2010
Von Karl-Ludwig Baader
Suche nach einer gesellschaftlichen Alternative: Oskar Negt im Raschplatz-Pavillon Hannover. Quelle: Blüher
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Klingt da Resignation an? „Für einen politischen Intellektuellen ist es nicht immer befriedigend, wenn er bestätigt wird“, sagt Oskar Negt mit mildem Sarkasmus, als er mit einigen assoziativ verschränkten Anmerkungen zur Lage der Nation sein neues Buch „Der politische Mensch“ im hannoverschen Pavillon vorstellt. Was gegenwärtig unsere politischen Nachrichten bestimmt, entspricht auf fatale Weise einem seiner Befunde: Er beobachtet eine „Entpolitisierung der professionellen Politiker“. Ein Ministerpräsident zieht sich aus der Politik zurück, weil er keine rechte Lust mehr hat. Nun tritt auch noch, zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik, das Staatsoberhaupt zurück, weil es mit der Kritik an seinen Äußerungen nicht fertig wird.

Als Soziologe hält sich der Kapitalismuskritiker Negt nicht lange bei den Personen und ihren individuellen Charakterzügen auf, hier spiegeln sich seiner Ansicht nach Strukturprobleme unserer Demokratie wider: Der Entleerung der Politik und des politischen Diskurses in unserer Talkshowkultur entspricht die Ökonomisierung aller Lebensbereiche. Ganz offensichtlich gilt das für die Bildung („das ganze Bologna-Zeug“). Bildung wird, mit dieser Meinung ist Negt nicht alleine, reduziert auf das Erlernen von beruflich nützlichen Fertigkeiten.

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Der politische Mensch („die Grundfigur einer friedensfähigen zivilen Gesellschaft“) aber bedarf eines weiteren Horizonts. Schließlich sei die Demokratie, so Negt, die einzige Regierungsform, die gelernt werden müsse. Dabei gehe es darum, sich gleichsam „Vorräte“ an politischem und historischem Wissen anzulegen. Wie sonst ließe sich auch ein Sensorium für mögliche Gefahren entwickeln, die der Demokratie drohen?

Bei Negts intellektueller Vorratshaltung spielen die großen Denker, Kant und Aristoteles vor allem, eine entscheidende Rolle. Zudem schlägt er vor, sich in der Geschichte der Antike umzusehen, um die Gegenwart besser zu verstehen. Dass solche Vergleiche nicht nur instruktiv, sondern auch infam sein können, zeigt er am Beispiel von Guido Westerwelle, der mit seinem Gerede über „spätrömische Dekadenz“ zudem einiges durcheinanderbrachte. Anders als der Außenminister sieht Negt die Parallele nicht im ausschweifenden Luxusleben der Hartz-IV-Empfänger, sondern in den verantwortungslosen Exzessen des Finanzmarktes und den nicht mehr vorstellbaren Einkommen von Bankern.

Aristoteles hat, wie Negt anmerkt, das Problem der Armut für das Gemeinwesen angesprochen, als er den Armen eine Neigung unterstellte, die Tyrannei zu unterstützen. Vor allem wenn das Vertrauen in die Gerechtigkeit des Gemeinwesens verloren gegangen ist. Heute hätten laut Umfragen 67 Prozent der deutschen Bevölkerung den Eindruck, dass es hierzulande nicht gerecht zugehe. Offensichtlich werde die gesellschaftliche Schieflage an der „Disproportionalität des Rechts“: Da geht straffrei aus, wer Tausende von Rentnern um deren Ersparnisse bringe, mit Entlassung müsse eine kleine Angestellte rechnen, wenn sie Essensreste „mitgehen“ lasse.

Negt sieht aber auch die Demokratie selbst in Gefahr. Die politische Freiheit werde der ökonomischen Freiheit geopfert. Und die Entstaatlichung gefährde den Zusammenhalt der Gesellschaft und schwäche die sozialen Bindungen. Heftig beklagt er eine Zerstörung des Sozialstaats: Nach dem Mauerfall habe das Kapital seine Beißhemmung verloren. Nun stehe der Kapitalismus nicht mehr unter dem Legitimationszwang von einst. Und so stellten sich unsere Politiker auch nicht dem nach Negts Meinung zentralen Problem: der Verteilung des gesellschaftlich erarbeiteten Reichtums.

Aus dem Publikum wurde nun angesichts dieses Szenarios mehr Hoffnung angemahnt. Negt verwies ironisch auf Antonio Gramsci. Als Theoretiker, habe der italienische Marxist bekannt, sei er Pessimist, als politischer Mensch aber Optimist. Negt fand an diesem Abend aus diesem Dilemma einen dialektisch-geschickten Ausweg: „Ohne Optimismus kann man nicht vernünftig denken.“

Autor

Oskar Negt

Titel

Der politische Mensch - Demokratie als Lebensform

Verlag

Steidl

Seitenzahl

585 Seiten

Preis

29 Euro

Johanna Di Blasi 03.06.2010