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22:03 01.12.2013
Von Rainer Wagner
Am Boden – und dennoch obenauf: Anna Netrebko als Leonora in Berlin. Quelle: dpa
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Berlin

Manchmal müssen auch Kritiker gute Vorsätze kippen. Beispielsweise den, bis auf Weiteres nicht mehr Enrico Caruso zu zitieren, der das Erfolgsrezept für eine erfolgreiche „Troubadour“-Aufführung mit dem Satz zusammenfasste, man brauche dafür nur die vier besten Sänger der Welt.
Aber wenn Anna Netrebko und Placido Domingo antreten, dann sieht selbst die diesjährige Münchener Festspielpremiere mit Jonas Kaufmann und Anja Harteros erst einmal blass aus. Zumal die Staatsoper Berlin die Weltstarbesetzung für dessen Schauerdrama „Il trovatore“ noch um den Chefdirigenten Daniel Barenboim ergänzen konnte.

Dass das nicht automatisch Sternstunden bedeutet, ließ sich bei der Premiere nicht ganz überhören, aber für etliche Sternminuten hat es doch gereicht. Dafür sorgte vor allem  Anna Netrebko, die als Leonora ihr szenisches Rollendebüt abliefert und so ihren Stimmfachwechsel vom lyrischen zum jugendlich-dramatischen Sopran erfolgreich forciert.

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Wenn eine Sängerin zu Beginn ihrer besten Jahre eine Rolle neu erobert, macht das zwar neugierig, ist aber noch keine Sensation. Wenn zwei Altmeister hier in ihren Aufgaben debütieren, ist das schon ungewöhnlicher. Kaum fassbar, dass Daniel Barenboim, der Tausendsassa an den wichtigsten Dirigentenpulten der Welt, im Alter von 71 Jahren erstmals den „Troubadour“ dirigiert: profihaft fast unfallfrei und durchaus bewegt und bewegend.

Geringfügig weniger überraschend kommt die Premiere von Domingo in der Rolle des Grafen Luna. Erstens war er schon immer der neugierigste der Startenöre, zweitens singt Domingo schon seit einiger Zeit auch tiefer gelegte Rollen. Und jetzt eben die Baritonpartie des Luna, die ihn gehörig fordert. Aber der 72-Jährige spielt souverän seine Bühnenpräsenz aus, er weiß, wo seine bronzefarben eingetönte Stimme besonders gut sitzt. Wenn er dann doch mal kurzatmig wirkt, rettet er sich geschickt bis zur nächsten effektvollen Phrase. Und im Duett mit Netrebko lässt er vergessen, dass er mühelos ihr Vater sein könnte.

Anna Netrebko hat vorab erklärt, dass sie die Figur der Leonora nicht sonderlich interessant findet, doch mit der Partie der Leonora setzt sie sich lustvoll auseinander. Sie lässt sich auch durch ihr Kostüm (Ursula Kudrna) nicht beirren, das als verzerrtes Velázquez-Bildzitat durchgeht, sie aber aussehen lässt wie einen blonden Dorftrampel im Reifrock. Natürlich weiß Netrebko, wie man wirkungsvoll das Messa di Voce ansetzt, wie man den Ton zurücknimmt und wieder anschwellen lässt, um ihn dann um so bravouröser einzusetzen. Dabei gibt es zu Beginn ihrer ersten Arie eine Schrecksekunde, als ihr ganz kurz die Stimme wegbleibt. Da räuspert sie sich, macht die Gurgel frei (Maestro Barenboim wartet geduldig so lange) und legt dann los.

Natürlich ist das alles eine Netrebko-Domingo-Show, aber man braucht ja ein Starquartett. Davon ist man dann in Berlin doch ein ganzes Stück weit entfernt, obwohl sich der eingesprungene Tenor Gaston Rivero wacker schlägt. Der Mann aus Uruguay presst zwar in der Tiefe, ist aber weitgehend höhenklar. Nur ausgerechnet der spektakuläre Schlusston in der Stretta von den lodernden Flammen zerbröckelt ihm. Deutlich mehr Pluspunkte sammelt Marina Prudenskaya, die als Zigeunerin Azucena überzeugt: Sie singt, als wäre der Wahnsinn der wahre Weg, sich auszudrücken.

Sie ist die einzige Sängerin, die von der Wiener Festwochen-Premiere dieser Inszenierung übrig geblieben ist. Der neuerdings gerne im Opernfach aktive Filmemacher Philipp Stölzl hat im Frühjahr seine Sicht auf diese Oper im Theater an der Wien vorgestellt, die wie eine Aneinanderreihung greller Musikvideos wirkte. Jetzt in Berlin erscheint diese Koproduktion eher wie eine Graphic Novel denn wie ein Comic: weniger grell, weniger schrill. Geblieben ist eine Aufführung, die diese wirre Geschichte als Bilderfolge erzählt, nicht als Handlungsbeschreibung – was auch kaum möglich ist in dieser Story von Wahn, Verwirrung, Verwechslung und Rache, die sich selbst bestraft.

Stölzl und Moritz Reinhardt haben einen offenen Quader auf die Bühne gestellt, der mit der Spitze über den Orchestergraben ragt. Es gibt Türen und Fenster und Luken für die Auftritte und Abgänge, doch die Mauern taugen vor allem als Projektionsflächen für bewegte Bilder, die zwischen Realismus und Surrealismus pendeln. Stölzl setzt die Chöre in einem gefälligen bis geschmäcklerischen Aktionismus geschickt in Szene, arbeitet gerne mit Schattenrissen – und überlässt seine Stars sich selbst. Prompt vergisst Anna Netrebko, die sich hier als Leonora nicht vergiftet, sondern erdolcht, die Wunde mit der Hand abzudecken, was den Grafen Luna eigentlich stutzig machen sollte. Am Ende sind dann (fast) alle tot und kauern sich zu einem arg kunstgewerblichen Leichenbild zusammen. Da mag dann auch Graf Luna nicht abseits stehen…

Am Ende herzlicher, aber nicht unbedingt frenetischer Beifall des Premierenpublikums.

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