Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur „Pacifique“ feiert Deutschland-Premiere bei Movimentos in Wolfsburg
Nachrichten Kultur „Pacifique“ feiert Deutschland-Premiere bei Movimentos in Wolfsburg
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:57 01.05.2011
Ein Totentanz? Die französische Compagnie „La Maison“ tanzt „Pacifique“. Quelle: dpa
Anzeige

Die Lady kommt nicht in Rot auf die Bühne, sondern in Blau, einem intensiven, pazifischen Blau. Das enge Kostüm der etwas schlaksigen Dame schillert mehrdeutig. Beim Titel ist es ähnlich. „Paci­fique“ sieht nicht gerade nach dem Stillen Ozean aus. Nasser Martin-Goussets Tanztheater „Pacifique“, mit dem am Freitag die Movimentos Festwochen die Gastspiele ihrer internationalen Tanzcompagnien starteten, gibt sich als eine ausgeklügelt brüchige Hommage auf James Bond und die siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zu erkennen. Auf ein Kino, in dem das Schießen noch schön war.

Tatsächlich wird im gigantischen alten Kraftwerk auf dem Volkswagen-Gelände ungemein viel herumgeballert.

Anzeige

Fast über die ganze Breite der Bühne schwappt eine riesige hölzerne Welle. Auf dieser monumentalen Rutschbahn lebt die doppelbödige Gesellschaft der Agenten. Die Damen verbergen Pistolen selbst im hautengen kleinen Schwarzen, und der Tanz zweier Liebender bleibt auch im Hagel von Schüssen erotisch aufgeladen.

Der Choreograf Nasser Martin-Gousset, der vor 15 Jahren in seiner Heimatstadt Lyon die Compagnie La Maison gründete, erzählt seine vieldeutige Heldengeschichte mit einem Musikmix von Pink Floyd und dem Bond-Komponisten John Barry. Viele Zitate aus James-Bond- und anderen Actionfilmen sind zu entdecken, die Bewegungssprache des Kinos bestimmt die Choreografie. Wie ein Film, der sich vorwärts und rückwärts, schnell und langsam abspulen lässt, so bewegen sich seine zwölf Tänzer auch mal im Rückwärtsgang, in Zeitlupe oder im Zeitraffer. Dabei agiert das Ensemble immer sehr präzise und synchron. Die Posen der Tänzer werden als Haltungen aus Filmen kenntlich gemacht: Es ist ein Tanz des schönen Scheins.

Und so entsteht in diesem von harten Lichtwechseln gegliederten Thriller auch immer wieder das, was die Fotografensprache Stills nennt. Nasser Martin-Gousset lässt seine theatralischen Bilder wie Fotos von Filmen aussehen. Ein Bild taucht dabei mehrmals auf: Ein langer Tisch, quer zur Bühnenrampe platziert, wird zum biblischen Abendmahlstisch überhöht. An ihm lässt der Choreograf die Agenten pokern und kämpfen und im Schlussbild ein glamouröses Happy End in pazifischem Blau zelebrieren.

Die opulenten Produktionen von Martin-Gousset, der seine Bühnenkarriere als Tänzer von Sasha Waltz, Meg Stuart und Josef Nadj begann, werden gern in die Nähe von Pina Bauschs Tanztheater gerückt. Doch während Bausch ihre Tänzer lehrte, dass es nicht darum gehe, „wie es aussieht, sondern wie es sich anfühlt“, setzt der Sohn eines ägyptischen Vaters und einer korsischen Mutter andere Prioritäten: Er packt die Gefühle ein, versiegelt sie gewissermaßen.

13 Tänzer wirbeln in der 75-minütigen Heldenkomödie über die Bühne, einer davon ist der Choreograf Martin-Gousset selbst. Er tanzte die Lady in Blue mit viel Stil und einem Hüftschwung, der manches Bond-Girl neidisch werden lassen könnte. Das Publikum im bis auf den letzten Platz besetzten Kraftwerk dankte den französischen Künstlern für dieses elegant verrätselte Spektakel mit heftigem, allerdings nicht allzu langem Beifall.

Movimentos am Montag: Lesung „Die Wahrheit der Kunst“, im 360°-Kino der Autostadt; Movimentos am Mittwoch: Tanz „Zero Visibility Corp.“ im Kraftwerk, jeweils 20 Uhr. Kartentelefon: 0800-288678238.

Alexandra Glanz