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Nachrichten Kultur Paperbacks bald nicht mehr auf Bestsellerliste
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06:15 12.08.2012
Von Martina Sulner
Ordnung muss sein – nicht nur im Bücherregal, sondern jetzt auch auf der Bestsellerliste. Quelle: dpa
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Hannover

Carl Mørck vom Sonderdezernat Q muss wieder einen alten Fall aufklären. Bislang hat der Ermittler, Hauptfigur aus Jussi Adler-Olsens erfolgreicher Krimireihe, das dreimal gemacht - mit riesigem Erfolg: „Erbarmen“, „Schändung“ und „Erlösung“ gehören in Deutschland zu den meistverkauften Büchern der vergangenen Jahre. Dem vierten Mørck-Roman, der vom 24. August an lieferbar ist, wurde nun ein neues Outfit verpasst: Erstmals erscheint ein Krimi des dänischen Bestsellerautors als Hardcover und nicht - wie bislang - als Paperback.

Adler-Olsens deutscher Verlag, der Deutsche Taschenbuch Verlag (dtv) in München, reagiert damit auf eine Neuerung, die die Verlagsbranche seit einiger Zeit umtreibt: Vom 1. Oktober an wird die „Spiegel“-Bestsellerliste, die maßgebliche Übersichtsliste der Verkaufserfolge, in dem Bereich Hardcover tatsächlich nur noch Titel mit festem Einband auflisten.

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In den vergangenen Jahren dominierten in der Liste oft Bestseller, die nicht mit einem klassischen Einband versehen waren. Immer häufiger bringen Verlage Neuerscheinungen als Paperback - als etwas größeres, stabileres Taschenbuch - auf den Markt: im handlichen Format und billiger als Hardcover. Die strenge Unterscheidung - zuerst die gebundene Originalausgabe, später dann die preisgünstigere Taschenbuchversion - gilt im Verlagsgeschäft nicht mehr.

Seit 26 Wochen steht zum Beispiel Jonas Jonassons Roman „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ (Verlag carl’s books) auf dem ersten Platz des Rankings. Das Paperback zum Preis von 14,99 Euro hat sich bislang eine Million Mal in Deutschland verkauft. Auch Charlotte Roches Erfolgsromane „Feuchtgebiete“ und „Schoßgebete“ sowie „Axolotl Roadkill“ von Helene Hegemann sind in der sogenannten Klappenbroschur erschienen. Bei Titeln, die nicht unbedingt zur Hochliteratur zählen und auf ein junges, weniger solventes Publikum zielen, bietet sich dieses Format ebenso an wie bei schnell zu konsumierenden Krimis. Adler-Olsens frühere Bücher kosteten 14,90 Euro, der neue, gebundene Thriller wird für 19,90 Euro in den Laden kommen.

Laut Thomas Wilking, Chefredakteur des Branchenmagazins „Buchreport“, das die Liste für den „Spiegel“ erstellt, habe es schon lange Unmut unter Verlegern und Buchhändlern gegeben. Die vielen Paperbacks in der Bestenliste, so die Beschwerden, verfälschten das Ranking. Deshalb habe man sich zu einer „Vereinheitlichung“, also einer reinen Hardcover-Liste, entschlossen, sagt Wilking. Die Paperbacks werden ab Oktober in der Taschenbuchbestenliste aufgenommen. Das bedeutet jedoch, dass Erstausgaben im Pappeinband nicht mehr von Zweitverwertungen im Taschenbuchformat getrennt sind. Ganz glücklich ist man mit dieser Variante allerdings nicht und diskutiert über weitere Neuerungen. Der1. Oktober als Beginn der „neuen“ Hardcover-Liste indes steht fest.

Wolfgang Balk, verlegerischer Geschäftsführer bei dtv, ist naturgemäß „nicht begeistert, dass preisgünstige Klappenbroschuren von Originalausgaben“ aus der Liste fallen und „die schönen Erfolge unserer Autoren nicht mehr adäquat gespiegelt werden“. Zumal Balk vor 15 Jahren erfolgreich damit begonnen hat, Originalausgaben in diesem Format auf den Markt zu bringen. In der von ihm eingeführten „dtv premium“-Reihe sind etwa die Bestseller von Marina Lewycka („Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch“), Dora Heldt („Bei Hitze ist es wenigstens nicht kalt“) und Muriel Barberry („Die Eleganz des Igels“) herausgekommen.

Für den Verkauf eines Buches kann es mitentscheidend sein, ob es auf der „Spiegel“-Liste auftaucht oder nicht. Zahlreiche Buchhändler postieren die Titel der Liste in ihren Geschäften besonders prominent - und fördern somit den Verkauf von Büchern, die sowieso schon erfolgreich sind.

Verlage, die keine Paperbacks produzieren, profitieren von der neuen Regelung. Den anderen entgehen mit der Neuordnung möglicherweise Einnahmen. Zum einen liegen die Herstellungskosten für Bücher mit festem Einband höher als für solche mit Klappenbroschur; zum anderen reagieren Buchkäufer sensibel auf Preiserhöhungen. Ein grundsätzliches Problem: Die neuen Bestsellerlisten mögen der Vereinheitlichung dienen - doch wirken sie mit dem Beharren aufs Hardcover in Zeiten, in denen E-Books immer populärer werden, auch gestrig. Media Control GfK erstellt seit dem Frühjahr übrigens regelmäßig eine Bestsellerliste der E-Books. Und: Der „Focus“ folgt für seine Bestsellerliste der Neuregelung des Hamburger Nachrichtenmagazins nicht.

Der Verlag carl’s books, so Sprecherin Heidrun Gebhardt, sei als Paperback-Verlag konzipiert und wolle bei diesem Format bleiben. Doch das schließe nicht aus, auch mal einen Titel als Hardcover auf den Markt zu bringen.

dtv-Chef Wolfgang Balk prophezeit einen „zunehmenden Formenreichtum an Einbandarten“. In seinem Herbstprogramm jedoch erscheint neben diversen Originalausgaben im Paperback das mit Fotos ausgestattete Buch „Der Vogel hat keine Flügel mehr. Briefe meines Bruders Peter Schwiefert an meine Mutter“ von Angelika Schrobsdorff in einem klassischen festen Einband. Und auch bei dem für Februar 2013 angekündigten übernächsten Krimi von Adler-Olsen, „Das Washington Dekret“, steht fest, dass er als Hardcover erscheinen soll. Solch einem potenziellen Verkaufserfolg möchte der Verlag den Weg auf die prominenteste deutsche Bestsellerliste wohl nicht verbauen.

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