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Kultur Pariser Kunstraub könnte der Erpessung dienen
Nachrichten Kultur Pariser Kunstraub könnte der Erpessung dienen
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22:28 21.05.2010
Jetzt ist das Pariser Musée d‘Art Moderne de la Ville de Paris perfekt bewacht – die martialische Truppe ist allerdings etwas spät angerückt. Quelle: afp
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Kurz nach Bekanntwerden des Pariser Millionenraubs standen Summen bis zu einer halben Milliarde Euro im Raum – so viel wie das Berliner Stadtschloss kosten soll. Was ist von solchen Angaben zu halten?
Man muss solche Summen nicht ernst nehmen. Vielleicht liegt der Wert der in Paris gestohlenen Bilder bei 500 Millionen, vielleicht bei 300 oder 250 Millionen. Man kann sich bei der Bewertung von Gemälden, die immer Unikate sind, lediglich an bestimmte Werte herantasten. Bei Picasso- oder Matisse-Werken ist eine Bewertung relativ gut möglich, weil Vergleichsbilder auf dem Markt sind. Wie aber wollen Sie ein Dürer-Gemälde bewerten? Seit 40 Jahren gab es keines mehr auf dem Markt. Setzen Sie es mit 10 oder 100 Millionen Euro richtig an? Im Grunde sind solche Werke priceless.

Beim Sprengel Museum in Hannover, das seine Werke, anders als das geschädigte Pariser Haus, versichert hat, liegt die sogenannte Erstrisikoversicherung für sämtliche Werke im Brand- oder Diebstahlsfall bei 266 Millionen Euro. Man müsste es also zweimal ausräumen, um auf die halbe Milliarde aus Paris zu kommen.
Wie gesagt, bei Kunstwerken ist die Bewertung eine sehr schwierige Sache, und es braucht große Erfahrung. Es gibt Riesendiskrepanzen. Wenn man Vergleiche anstellt, muss man schauen, ob es sich um ähnliche Gemälde handelt, um bessere oder um solche aus einer schlechteren Periode. Picasso hat beispielsweise manchmal zwei Werke am selben Tag gemalt, das Bild am Nachmittag fiel weniger grandios aus, es flachte ab, ihm fehlte es an Kraft und Präzision.

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Zwischen den Rekordsummen am Auktionsmarkt und der Zunahme spektakulärer Kunstdiebstähle wird ein Zusammenhang gesehen. Bemerken Sie eine Zunahme von Versuchen, Diebesgut oder Fälschungen auf den Markt zu bringen?
An gestohlene Bilder kann ich mich nicht erinnern, aber ab und an wird versucht, eine Fälschung zu platzieren.

Auktionshäuser kreieren nicht nur Riesenwerte, sie lagern diese vorübergehend auch – und wurden schon bestohlen. Wie ist es bei Christie’s um die Sicherheit bestellt?
Man muss versuchen, eine Balance zwischen Praktikabilität und der Verantwortung gegenüber dem Kunstwerk und dem Eigentümer herzustellen. Eigentlich könnte man denken, je berühmter ein Kunstwerk ist, desto eher ist es durch die Berühmtheit und die daraus resultierende Unverkäuflichkeit geschützt. Dass dennoch Diebstähle wie jetzt in Paris geschehen, hat seinen Grund wohl in Erpressungsabsichten im Stil des „art napping“, der Geiselnahme von Kunst.

Dank Computervernetzung und Art-Loss-Register lässt sich heute minutenschnell erfahren, ob ein Werk als vermisst gilt.
Ja, und deswegen ist es mir einfach schleierhaft, was die Diebe mit dem Raubgut anfangen wollen. Selbst wenn ein Gemälde 50 Millionen Euro wert sein sollte, können Sie es nicht für 20 oder 10 Millionen verkaufen. Im Grunde ist es nichts wert.

Sie waren jüngst bei dem spektakulären „Sale“ von Picassos „Nackte, Grüne Blätter und Büste“ an der Taxierung beteiligt. Das von Ihnen auf 90 Millionen Dollar geschätzte Bild ist mit 106 Millionen Dollar das teuerste je verauktionierte Werk. Wie lässt sich ein solcher Preis rechtfertigen?
Da ist zunächst der scheinbar banale Umstand der Größe des Bildes, es ist fast lebensgroß. Das kannte man in der Vorkriegskunst sonst gar nicht. Die großen Formate tauchten erst nach dem Krieg bei amerikanischen Malern auf. Das Bild besticht also durch Monumentalität. Zudem sind die dreißiger Jahre bei Picasso eine besonders gesuchte Werkphase. In diesem speziellen Bild vereint er alle Genres seines Könnens auf einer Leinwand, er zeigt sich als grandioser Porträtmaler, als Meister der Abstraktion, als Künstler, der Matisse – seinen großen Konkurrenten – beherrscht, als Stilllebenmaler mit lockerer Hand und sogar als Landschaftsmaler und Bildhauer – all das ist in einem einzigen Bild zusammengefasst.

Sehen das auch die Bieter in der Auktions-Arena so?
Ja, sonst würden sie nicht diese hohen Preise zahlen. Hinzu kommt: Picasso ist so bekannt wie Coca-Cola, es ist weltweit ein Markenname. Daraus ergibt sich die Wertigkeit

Wie stabil sind die Preise?
Sie ändern sich jede Minute, jeden Tag, jede Woche. Angebot und Nachfrage bestimmen, ob ein Bild 10 oder 100 Millionen Euro Wert sein muss. Die Preise auf dem Kunstmarkt ergeben sich aus der Nachfrage einiger weniger, die etwas Bestimmtes um jeden Preis erwerben wollen. Im Wettkampf ergibt sich dann der Marktpreis.

Sind Werke der klassischen Moderne ein Äquivalent zu den gerade in Krisenzeiten gefragten Goldbarren?
Von beiden Anlageformen, wenn ich so sagen darf, gibt es nur eine begrenzte Menge. Man kennt in beiden Fällen die Menge, die im Umlauf ist. Der besondere Reiz der Kunstobjekte liegt in ihrer Mobilität, Bilder können Sie auf kleinstem Raum transportieren.

Aus dem Besitz des Sprengel Museums sind vor zwei Jahren in der Schweiz zwei kleinere Picasso-Gemälde geraubt worden: ein später „Pferdekopf“ und das Stillleben „Glas und Karaffe“ von 1944. Gibt es Vergleichsbilder?
Ja, es sind einfach viele Picasso-Werke auf dem Markt.

Wie häufig tauchen museale Bilder auf?
In den zurückliegenden 30 Jahren sind durchschnittlich alle zwei Jahre Spitzenwerke von Picasso aufgetaucht. Dadurch ist der Markt äußerst bewegt.

Und darauf muss reagieren, wer Versicherungswerte festlegt?
Ja, Versicherungssummen werden bei Kunst in der Regel bedeutend höher angesetzt als der aktuelle Marktpreis. Wenn Sie etwa ein Bild für 100 000 Euro gekauft haben, und Sie müssen es versichern, dann werden Sie es nicht zwischen 80 000 und 120 000 Euro ansetzen, sondern eher bei 150 000 Euro. Es soll ja garantiert sein, dass Sie in allerschnellster Zeit ein vergleichbares Werk als Ersatz kaufen können. Es muss immer ein Wert „on top“ eingebaut sein, ein Bonus und Puffer, der über den Verlust wegtröstet.

Die hannoverschen Picassos waren mit drei Millionen Euro angesetzt. Was könnte man damit bei Ihnen ersteigern?
Bei drei Millionen Euro würde ich mich prinzipiell auf ein einzelnes Werk konzentrieren. Wenn es klassische Moderne sein soll und museumswürdige Kunst, würde ich zu einer Papierarbeit raten. Eine gute Grafik ist besser als ein Gemälde in B-Qualität.

Das Sprengel Museum hat aber schon viele gute Grafiken.
Dann erst recht Grafik. Ich rate immer dazu, in die Stärken einer Sammlung hineinzusammeln.

Interview: Johanna Di Blasi

Stefan Arndt 21.05.2010
21.05.2010