Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Paul Auster zieht sich warm am
Nachrichten Kultur Paul Auster zieht sich warm am
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:59 20.09.2013
Von Rainer Wagner
Foto: 66 Jahre ist Auster mittlerweile alt und sieht sich offenbar schon im Winter seines Lebens.
66 Jahre ist Auster mittlerweile alt und sieht sich offenbar schon im Winter seines Lebens. Quelle: dpa
Anzeige
New York

„Fragments from Cold“ hat der Lyriker Paul Auster schon als 30-Jähriger vorgelegt. Jetzt liefert der Schriftsteller ein „Winter Journal“, das ebenfalls fragmentarisch ist, sich aber doch um innere Erwärmung bemüht. Mit wechselndem Erfolg. 66 Jahre ist Auster mittlerweile alt und sieht sich offenbar schon im Winter seines Lebens. Da zieht so mancher Bilanz. Oder sortiert schon mal die Zettel, auf denen er Wissenswertes notiert hat. Manchmal aber auch nicht ganz so Aufregendes wie die Schulen, die er besucht hat, seine Leibgerichte und Lieblingsgetränke. Spannender ist da schon ein Rückblick auf Malaisen und ernstere Krankheiten. Von einem vermeintlichen Herzinfarkt, der ein übler Anfall von Gastritis war, über zwei Geschlechtskrankheiten in jungen Jahren bis zur den Panikattacken, die ihm vor elf Jahren massiv zusetzten.

In seinem Text „Die Erfindung der Einsamkeit“ (1982) spiegelte er den Tod seines Vaters, jetzt reflektiert er den der Mutter: „Es gab sie dreimal ... und du konntest nie wissen, welche Maske sie an irgendeinem Tag tragen würde.“
Der kleine Voyeur, der in allen Lesern von Autobiografischem steckt, wird dezent bedient. Auster resümiert: „Zahllose Amouren und Techtelmechtel, aber nur zwei große Lieben in deinen frühen Jahren, die Katastrophen deiner Pubertät und deiner Jugend, beide Male ein Desaster, gefolgt von deiner ersten Ehe, die ebenfalls in einem Desaster endete.“ Den Namen seiner ersten Frau erwähnt Paul Auster übrigens nicht (es war die Kollegin Lydia Davis), auch wenn das Scheitern dieser Ehe dann doch einigen Platz einnimmt. Dafür spielt seine zweite Frau, die ebenfalls höchst erfolgreiche Schriftstellerin Siri Hustvedt, eine um so wichtigere Rolle.

Das Buch

Paul Auster: „Winter Journal“. Aus dem Englischen von Werner Schmitz. Rowohlt. 254 Seiten, 19,95 Euro.

Wenn die beiden ihr 30. Liebesjubiläum feiern, in Manhattan drüben, nicht im heimischen Brooklyn, das ihr Lebensort ist, dann reden und reden und reden sie, denn „genau das ist es, was euch gewissermaßen ausmacht, all diese Jahre seit dem Tag eures Kennenlernens habt ihr mit dieser langen, ununterbrochenen Unterhaltung verbracht.“
Wir erfahren von der französischen Prostituierten Sandra, die Baudelaire zitiert und dem jungen Paul Auster akrobatische Liebesstellungen beibringt. Von seinem Autounfall und von anderen Beschädigungen eines Mannes, der nach eigener Einschätzung zu viel raucht und zu viel trinkt: „Der Gewinn, den du aus Alkohol und Tabak ziehst, dient dir als Krücke, dein verkrüppeltes Ich aufrecht zu halten und durch die Welt zu tragen.“

Man kann sich auf die 60 Seiten konzentrieren, auf denen Auster seine 
21 Wohnsitze beschreibt: von einem Haus in New Jersey, das er nur aus Erzählungen kennt, bis „irgendwo in Park Slope, Brooklyn“. 1980 zog er auf die andere Seite des East River, obwohl ihm die New Yorker Bezirke jenseits von Manhattan „so fremd wie die entlegenen Länder Ozeaniens oder des nördlichen Polarkreises“ waren. So wurde er zum Barden Brooklyns, als dieser Teil von New York City noch lange nicht schick war.
Treue Leser werden gerne in diesem „Winter Journal“ blättern, werden Querbezüge zu Werk und Leben finden und immer wieder mit kleinen Geschichten belohnt, die aus dem Zettelkasten aufblühen. Am Ende bleibt die nicht sehr originelle Frage: „Wie viele Morgen bleiben noch?“ Austers Resümee und Schluss: „Du bist in den Winter deines Lebens eingetreten.“ Mit etwas Glück gibt es dort einen Wintergarten, in dem vielleicht literarisch Ergiebigeres gedeiht.

Kultur Nach dem Tod von Reich-Ranicki - Quo vadis, Literaturkritik?
20.09.2013
Kultur Filmkritik zu „Paranoia“ - Kuck mal, wer da spioniert
20.09.2013
Kultur Alison Moyet im Theater am Aegi - Im Rausch der Tiefe
Uwe Janssen 19.09.2013