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22:02 21.08.2017
Gegen pauschale Lösungen: Felix Scheer und Jasper Kühn (von links) wollen das Theater aus dem Pavillon herausholen. Foto: Heidrich Quelle: Clemens Heidrich
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Hannover

Einer der Bühnenräume des Theaters im Pavillon hat sich im Laufe der vergangenen Wochen in ein Büro verwandelt. Im Gegenzug werden die beiden Gastkünstler, die hier ihr Projekt entwickeln, im Oktober den öffentlichen Raum rund um das Kulturzentrum zu einer Bühne machen. Der Lichtdesigner und Erziehungswissenschaftler Jasper Kühn aus Hildesheim und der Theatermacher und Musiker Felix Scheer aus Braunschweig setzten sich bei der Ausschreibung des Theaters im Pavillon durch. „Komplott“ hat Programmplanerin Mariam Soufi Siavash ihre Reihe genannt. Darin fordert sie - bereits im zweiten Jahr - junge Kulturschaffende aus Niedersachsen auf, sich mit frischen Ideen für eine Verschränkung von Theater und Öffentlichkeit zu bewerben. Die ausgewählten Gäste lädt sie für eine dreiwöchige Recherche- und Vertiefungsphase nach Hannover ein.

Suche nach neuen Zielgruppen

Was daraus entsteht, wird dabei bewusst offengehalten. „Es gibt viel zu wenig Formate, in denen junge Künstler und Theatermacher etwas ausprobieren dürfen, was sie nicht von Anfang an klar benennen können“, erläutert Soufi Siavash ihre Motivation. Ihr geht es dabei um ein künstlerisches Erforschen von Möglichkeitsräumen. Zwar ist sie gespannt auf die im Oktober präsentierten Ergebnisse. Sie legt dennoch Wert auf Ergebnisoffenheit: „Auch ein Scheitern muss möglich sein beim Versuch, zu neuen Formaten zu gelangen.“

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Sie hofft dabei auch, abseits der Bühnen im Pavillon neue Zielgruppen zu erschließen. „Wir wollen den Nutzern des öffentlichen Raums aber auf keinen Fall Partizipation aufdrängen“, schränkt sie ein. Ein Schwerpunkt des Projektes liege auch darin, über die Jahre herauszufinden, welche Eingriffe der öffentliche Raum zulässt, ohne die Hemmschwellen der Kulturinstitutionen zu übernehmen.

Kühn und Scheer freuen sich über jede Gelegenheit, ihr Bühnenbüro im Pavillon verlassen zu können. Es drängt sie nach draußen, um ein Gespür für die Orte rund um das Kulturzentrum entwickeln zu können. Sie waren bereits bei ihrer Bewerbung fasziniert von den vielen Ebenen hinter dem Bahnhof - baulichen wie gesellschaftlichen. Scheer ist überzeugt: „Kein Ort ist per se gut oder schlecht.“ Als Architektensohn hält er Beton eher für einen ästhetischen Mehrwert: „Ich glaube nicht daran, Strukturen, die mit der Zeit als hässlich wahrgenommen werden, einfach einzureißen, solange wir in der Lage sind, unseren Umgang damit zu verändern.“

Auch Kühn ist bereit, sich auf den sensiblen Charakter des Ortes einzulassen: „Wir können unbeteiligte Passanten nur erreichen, wenn wir im richtigen Augenblick ihre Neugier wecken - dabei wäre es falsch, einen ästhetischen Zeigefinger zu heben.“

Sensibel für Widersprüche

Die Gastkünstler wollen keinesfalls zu Sozialarbeitern werden. „Wir dürfen nicht blind sein für die Probleme des Ortes und seiner Nutzer - aber wir dürfen auch keine pauschalen Lösungen erwarten“, erklärt Scheer. Es müsse vielmehr darum gehen, die Wahrnehmung für das Potenzial solcher Räume zu schärfen, ergänzt Kühn: „Wir wollen mit kleinen ästhetischen Eingriffen Alternativen aufzeigen.“ Eine Polarisierung lehnt er ab. „Wichtig ist im öffentlichen Raum doch ein Bewusstsein für Widersprüche“, glaubt auch Scheer. Dazu gehöre für Künstler das Spiel mit Schwellen und Übergängen, mit einer Verführung zum zweiten Blick: „Gehört das zur Inszenierung oder zum Raschplatz?“ Er hat sich auf Theaterbühnen bereits intensiv mit der Verschränkung von Alltag und Ästhetik beschäftigt: Als Teil des Kollektivs James & Priscilla erzählt er Geschichten mit Elementen aus der Popmusik.

Jedem die eigene Premiere

Der Arbeitstitel, mit dem Kühn und Scheer angereist sind, ist „Alive im Betonwunderland“ - in Anspielung auf Lewis Carrolls Kinderbuch „Alice im Wunderland“. Daran interessiert die beiden vor allem der Anfang: Alice folgt dem weißen Kaninchen in seinen Bau und landet in einer bunten Welt, in der alles anders erscheint. „In unserem Wunderland sind die Bedingungen nie ganz gleich“, erklärt Kühn, „der öffentliche Raum verändert sich ja ständig.“ Als Lichtdesigner empfinde er es zum Beispiel als Herausforderung, mit nie konstantem Tageslicht zu arbeiten. Er freut sich auf Vielfalt und Unberechenbarkeit: „Jeder Passant erlebt im Grunde seine eigene Premiere.“

Termin: Jasper Kühn und Felix Scheer präsentieren „Alive im Betonwunderland“ vom 5. bis 8. Oktober im öffentlichen Raum rund um den Pavillon.

von Thomas Kaestle

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