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Kultur Entspannen im Museum
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20:56 26.06.2014
Schon entspannt? Marina Abramović in der Serpentine Gallery im Londoner Hyde Park. Quelle: dpa
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Mit großem Tamtam verließ die moderne Kunst im 20. Jahrhundert den Bilderrahmen, drängte hinaus in den Raum, hinaus aus dem Museum, auf die Straße, zu den Menschen, um lustige, lärmende Happenings und Performances zu feiern. Zugleich jedoch lief, mehr oder weniger eingestanden, immer auch die entgegengesetzte Tendenz: das zielsichere Streben hinein ins Museum, in die kulturellen Archive, um sich möglichst dauerhaft einen Platz dort zu sichern.

Eine Künstlerin, die Museums- und Galerieräume gar nicht mehr verlassen möchte, ist die Altmeisterin der Performancekunst, Marina Abramović. Sie hält Museen regelrecht „besetzt“. Derzeit absolviert die 67-Jährige unter dem Titel „512 Hours“ (512 Stunden) ein Ausdauertraining in der renommierten Londoner Serpentine Gallery. In dem Kunstmuseum im Zentrum Londons, das von der britischen Regierung und Mäzenen finanziert wird, ist die 1946 in Belgrad geborene Künstlerin in den kommenden Wochen täglich acht Stunden anwesend. Einfach anwesend.

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Die ersten Besucher, die sich in die kahlen Galerieräume wagten, sollten sich an die Wände stellen, die Augen schließen und schlicht „entspannen“. Die Künstlerin und ihre Assistenten nahmen Besucher an die Hand und flüsterten ihnen Sätze ins Ohr wie „Die Leere ist auch eine Kinoleinwand“ („The void is also a cinema screen“). „Wie bei einem Gebetstreffen“ kam sich der „Guardian“-Kritiker Adrian Searle vor. Bei der Pressekonferenz empfahl die Künstlerin, gegen Ende der Show wiederzukommen. Wenn sich Routine einstelle, würde es noch „interessanter“.

Wie bereits vor vier Jahren bei ihrer großen Retrospektive im New Yorker Museum of Modern Art („The Artist is Present“) besteht auch jetzt das künstlerische Konzept darin, Begegnungen mit Menschen ihren Lauf zu lassen; nur dass Abramović diesmal nicht Frühlingstage, sondern Sommermonate dafür opfert. Voraussetzung für das Publikum, das in den kommenden Wochen bis zum
25. August dem Exerzitium beiwohnen möchte, ist die Abgabe liebgewordener Smartphones an der Museumspforte.

Der Künstlerin sei daran gelegen, mit Besuchern „pur in Verbindung zu treten“, erklärte ein Sprecher der Galerie. Freilich geht es auch um Rechte am Bild. Abramović wäre nicht die einzige Performancekünstlerin, die vermeiden möchte, dass Bilder via Facebook oder Youtube in die Welt strömen, bevor Sammler und Museen dafür zahlen können.

Bei der Eröffnung bildeten sich vor dem Museum Schlangen. Die Erzeugung fotogener Besucherschlangen ist Teil des Konzepts. Die Platzkapazitäten in dem kleinen Londoner Haus sind limitiert und Vorbestellungen nicht möglich. Es herrsche die strikte Regel „first-come, first-served“, wer zuerst komme, werde also zuerst bedient, teilt die Serpentine Gallery mit, weswegen Besucher sich auf „queues“, Schlangen, einstellen sollten.

In New York saß Abramović im Laufe der Wochen rund 1400 Menschen einzeln gegenüber: blass, schweigend, mit vor Anstrengung hervortretenden Wangenknochen und Schweißperlen auf der Stirn. Bei nicht wenigen Besuchern kullerten überraschend Tränen aus den Augen, so als würden sie einer Heiligen oder asketischen Büßerin gegenübersitzen, die die innersten Regungen und Nöte der Menschen intuitiv erfasst. Am Ende der 700 Stunden währenden Aktion waren mehr als 800 000 Besucher ins Museum geströmt, junge und alte, einige kampierten sogar vor dem MoMA.

Schon lange wird gerätselt, wieso die renommierte Künstlern, die jahrelang an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig (HBK) Professorin war, sich das alles antut. Bereits als junge Frau hatte sie sich mit Rasierklingen ein Pentagramm in den Bauch geritzt, sich wie ein mittelalterlicher Flagellant den Rücken wund gepeitscht oder vor laufender Kamera mit ihrem Partner Ulay laut klatschend Ohrfeigen ausgetauscht.

Abramović selber begründete ihren Hang zu extremistischer Selbstdisziplin bei gleichzeitigen religiösen Neigungen mit der fast militärischen Erziehung, die sie als Kind streng-kommunistischer Eltern und glühender Tito-Partisanen auf der einen Seite genossen habe, und dem Mitgift einer kindlich-gläubigen Großmutter auf der anderen Seite.

Marina Abramović, die „Großmutter der Performance“, die laut „Time“-Magazin zu den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt zählt und deren Leben sogar schon als Musical verarbeitet wurde, plant ein Performancekunstzentrum in der Kleinstadt Hudson im US-Bundesstaat New York, das „Marina Abramović Institute“ (MAI) heißen soll. Sogar die Pop-Ikone Lady Gaga ließ sich als Werbeträgerin dafür einspannen.

Für das Zentrum fehlt aber immer noch ein zweistelliger Millionenbetrag. Ein Museum für Performance? Trotz ihrer unbestreitbaren Sensibilität scheint die Künstlerin merkwürdigerweise zu übersehen, dass gerade für die flüchtige, dem Augenblick geweihte Performancekunst die museale Domestizierung nicht weniger als eine Vergewaltigung darstellt.
„512 Hours“ bis 25. August, Serpentine Gallery in London. Der Eintritt ist frei.

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