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00:16 06.05.2014
Von Uwe Janssen
Foto: Peter Gabriel in der ausverkauften TUI-Arena.
Peter Gabriel in der ausverkauften TUI-Arena. Quelle: Frank Wilde
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Hannover

Am Ende schließt sich der Kreis. „Hier kommt die Flut“, singt Peter Gabriel, jedes Wort sucht sich einzeln seinen Weg in die große Halle, in die Ohren der 12.000 gebannten Menschen. Dazu spielt er spärliche Pianoakkorde, die klingen, als ob sie frieren. Manche im Publikum halten die Pausen dieses Liedes nicht aus, sie rufen etwas in die Stille, weniger, um die kollektive Konzentration zu stören, sondern mehr, um ihrer emotionalen Überwältigung ein Ventil zu geben.

Solche Momente gibt es nicht oft in Popkonzerten. Peter Gabriel ist einer, der sie erzeugen kann. Sein Publikum, so massenhaft es auch immer bei seinen Shows zusammenströmt, ist aufmerksam, euphorisch, ehrfürchtig. Die Leute folgen ihm. Weil er sie nicht bedient, sondern mitnimmt. Weil er ihnen erklärt, was er tut und warum er es tut.     

Peter Gabriel serviert der ausverkauften TUI-Arena in Hannover zweieinhalb Stunden meisterhaftes Entertainment und eine sorgsam zusammengestellte Konzeptshow.

In der hannoverschen TUI-Arena stellt er zu Beginn selbst seine beiden Backgroundsängerinnen vor, die ein kurzes Vorprogramm bestreiten. Dann kommt er wieder und erklärt die Programmfolge des Abends. Auf Deutsch, vom Blatt gelesen. Drei Teile, drei Gänge, wie beim Essen. Sagt er. Die Menüfolge ist keine Extravaganz, jedenfalls nicht gegen das, was er zu Genesis-Zeiten aufgetischt hätte. In Hannover gibt es eine kurze Session mit Akustikversionen bei Saalbeleuchtung, dann eine gemischte Hauptspeise mit Bühnenlicht. Als üppiges Dessert reicht er das gesamte Album „So“, das ihn Mitte der Achtziger endgültig von seiner alten Artrocktruppe emanzipierte und ihn zum Popavantgardisten mit Radiopräsenz beförderte. Es gibt nicht wenige, die vor allem wegen dieser Nachspeise angereist sind.

Doch bevor der erste Ton gespielt ist, stellt der Brite das Servicepersonal vor, das seit Jahrzehnten in seiner Soundküche arbeitet: Bassist Tony Levin, Gitarrist David Rhodes und Schlagzeuger Manu Katché gehören zu Gabriel wie die E-Street-Band zu Bruce Springsteen, alle drei haben den Klang des großen musikalischen Spektrums zusammengehalten. Und so sind auch die abgespeckten Versionen wie die von „Come Talk To Me“ klar am Handwerk ihrer Performer zu erkennen. Dass das Saallicht anbleibt, fällt irgendwann gar nicht mehr auf, hat aber den unterschwelligen Effekt einer großen Familienfeier, bei deren musikalischen Einlagen ja auch keine Scheinwerfer aufgestellt werden. Das Publikum, so kann man es deuten, ist mit im Boot, ist gleichberechtigter Teil dieser Inszenierung und sollte auch so im Licht stehen wie die Künstler.

Doch als es nach „Shock the Monkey“ und „Family Snapshot“ dunkel wird im Saal und die drängende Rhythmusschleife von „Digging in the Dirt“ wie ein Industrieroboter durch die Mehrzweckhalle dröhnt, nehmen Star und Fan ihre gewohnten und erprobten Rollen auf den beiden Seiten des Sicherheitsgrabens ein.

Auch Gabriel wechselt vom Conferéncier zum Zeremonienmeister. Sowenig seine 64 Lebensjahre und seine gemütliche äußere Erscheinung eine schrille Performance erwarten lassen – ein bisschen vom Genesis-Paradiesvogel im Blumenkostüm ist noch übrig geblieben, angedeutet in kleinen Gesten oder kinderspielartigen Kreiselchoreografien der Musiker. Als bei der freudig erwarteten Nachspeise das steinerweichende „Mercy Street“ warm und erhaben durch den Raum schwebt, liegt Peter Gabriel plötzlich auf dem Boden und singt, seine mal tiefe und in der Höhe brüchig-schmirgelraue Stimme hat mit den Jahren nicht gelitten, sie klingt fantastisch. Den optischen Effekt erzeugt nicht der Blick auf die Bühne, dort sieht man nur seine Hände. Wer die Leinwände anschaut, bekommt das vollständige Bild: Der Sänger liegt, von oben gefilmt, auf einer schwarz-weißen Scheibe, mit der er eins zu sein scheint.

Optik steht für den technikverliebten Musiker in der Show fast auf einer Höhe mit der Musik. Dabei geht raffiniert und originell vor bombastisch. Schon in den frühen achtziger Jahren lenkte Gabriel einen Scheinwerferspot mit einem kleinen Spiegel gezielt ins Publikum. Beim Song „Downside up“ wandelten er und seine Tochter kopfunter an der Bühnendecke. Dagegen nimmt sich die „Back to Front“-Tour eher verhalten aus. Dominierend sind neben wuchtigem Licht und künstlerischen Videoeffekten fünf Lichtkräne, die ein bisschen wie die Marsianer aus „Krieg der Welten“ daherkommen und von maskierten Bühnenhelfern geschoben und gelenkt werden. Das ist ziemlich retro und passt zum Motto des Abends.

Das Publikum saugt jede der rund 150 Minuten auf, vielleicht auch, weil Gabriel sich in den vergangenen Jahren mit Orchesterarrangements und Coverversionen durchaus experimentell gegeben hat. An diesem Abend gibt es Originale als Originale von Originalen. Nostalgieprogramm inklusive diverser Radiohits: „Sledgehammer“, „Solsbury Hill“, „Don’t Give Up“. Auch die alte Antirassismushymne „Biko“ ist schließlich dabei. Vereinfacht könnte man sagen: Eine Band spielt ihre Lieder. Aber so einfach ist es dann doch nicht. Irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass man einen verdammt großen und großartigen Künstler vor sich hat. Und als kurz vor Schluss die Flut kommt, hält eben manch einer die Stille nicht mehr aus. Das geht schon in Ordnung.      

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