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Kultur Peter Zadek ist tot
Nachrichten Kultur Peter Zadek ist tot
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19:54 30.07.2009
Von Rainer Wagner
Peter Zadek mit Eva Mattes.
Peter Zadek mit Eva Mattes. Quelle: Manoocher Deghati/afp
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Sein Lebensweg war lang – und verschlungen. Dass er jetzt in der Nacht zum Donnerstag zu Ende ging, kommt nicht völlig überraschend, denn dass der 1926 geborene Theaterzauberer, Provokateur und Spielmacher Peter Zadek schwer an Krebs erkrankt war, das wusste man seit Jahren. Vor zwei Jahren schrieben viele Kritiker schon einmal (voreilige) Nachrufe. Aber dann trotzte der große alte Mann seinem Alter (da war er schon über 80) und seiner Krankheit noch einmal Premieren ab: Luigi Pirandellos „Nackt“ am Hamburger St. Pauli-Theater und in diesem Februar George Bernhard Shaws „Major Barbara“ in Zürich.

Dabei hatte es vor zwei Jahren doch schon so ausgesehen, als sei Zadeks Weg zu Ende: als er die Inszenierung von Shakespeares „Was ihr wollt“ erst verschieben und dann absagen musste. Und als die Theatercompagnie, die er zusammen mit dem früheren hannoverschen Expo-Kultur-Manager und später leidlich glücklosen Hamburger Schauspielhaus-Intendanten Tom Stromberg gegründet hatte, aufgeben musste. Der Name der Truppe hieß übrigens „my way production“. Solche Wegtafeln gehören zu Zadek. Auch seine 1998 erschienene Autobiografie (dessen dritter Band in Vorbereitung ist und im Frühjahr 2010 erscheinen soll) nannte er „My Way“, doch was nun genau dieser Weg war, ist schwer zu beschreiben: Zu oft verlief der Lebensweg des Peter Zadek im Zickzackkurs.

Er selbst hat das auf einen Fluchtreflex zurückgeführt. Der wiederum damit zusammenhing, dass sein Vater 1933 mit der Entscheidung, aus Deutschland nach England zu fliehen, der jüdischen Familie Zadek das Leben rettete. Sieben Jahre alt war Zadek damals, und es sollte 25 Jahre dauern, bis der gebürtige Berliner nach Deutschland zurückkehrte.

In England hatte Peter Zadek Deutsch und Französisch in Oxford studiert und an der Old-Vic-School eine Ausbildung als Regisseur absolviert. Er arbeitete als Filmcutter und Fernsehregisseur. Seine erste Theaterpremiere (Oscar Wildes „Salomé“) geriet zum Desaster, aber da war der Jungregisseur gerade mal 21 Jahre alt. Nach zehn Lehr- und Wanderjahren gelang ihm 1957 in London der Durchbruch mit der skandalumwitterten Uraufführung von Jean Genets „Der Balkon“ – sehr zum Ärger des Autors, der sich mit dem Regisseur überworfen hatte.

Ein Jahr später kehrte Zadek nach Deutschland zurück: in die Provinz, nach Ulm, wo Kurt Hübner zeigte, wie progressiv ein Stadttheater sein kann. Mit Hübner wechselte Zadek dann 1962 nach Bremen, wo er maßgeblich am „Bremer Stil“ beteiligt war – und sein Kinofilm „Ich bin ein Elefant, Madame“ spielte dann ja auch in Bremen. Er war mehr als nur die Verfilmung einer seiner Bremer Theaterproduktionen.

Drei Vorlieben hatte Zadek aus England mitgebracht: die Verehrung für Shakespeare, die Nähe zum Boulevard und die Neigung zur meist gezielt eingesetzten Provokation. Er verzahnte Realismus und Revue, griff zu griffigen Bildern, zu Comic, Pop-Art und Horror-Klischee. Aber der Entertainer war immer mit Ernst bei der Sache, auch wenn er Musical oder Song-Spiel inszenierte. Allerdings näherte er sich dem Musik­theater erstaunlich zögernd: 1983 inszenierte er in Stuttgart einen grellen, bunten, manchmal vorlauten, aber in den besten Momenten auch hinterhältig-hintersinnigen „Figaro“. Und 1998 präsentierte er in Salzburg eine mäßig inspirierte Interpretation von Brecht/Weills „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“.

Umso länger ist die Liste seiner zu Theaterlegenden gewordenen Inszenierungen. Sein Bochumer „Lear“ mit dem noch jungen Ulrich Wildgruber in der Titelrolle etwa (1974), sein Hamburger „Othello“ mit dem abfärbenden Mohren Wildgruber und der halb nackten Eva Mattes (1976), der erst Skandal machte und bald zum Kultereignis wurde, zu dem man pilgerte. Um Shakespeare drehte sich bei ihm immer wieder vieles (und seine Lebensgefährtin Elisabeth Plessen sorgte mit ihren Neuübersetzungen immer für einen eigenen Ton): ob „Richard III“ oder der „Kaufmann von Venedig“, den er dreimal inszenierte: in Ulm, Bochum und am Wiener Burgtheater.

In Hamburg war Zadek von 1985 bis 1989 als Intendant des Deutschen Schauspielhauses zwar als Hausherr nur in Maßen glückhaft, aber als hauseigener Regisseur mit „Ghetto“ (mit Ulrich Tukur), dem Musical „Andi“ oder Wedekinds „Lulu“ erfolgreich: das Theaterplakat mit der entblößten Susanne Lothar sorgte für Aufregung, die Aufführung für Aufsehen.

1993 wurde Zadek noch einmal Theaterdirektor: als Mitglied einer Fünfer-Bande, die das Berliner Ensemble führen sollte, aber nicht ganz überraschend bald daran scheiterte. Doch der Theatermacher stemmte Großtat um Großtat. Vom Wiener „Kirschgarten“ bis zum „Hamlet“ mit Angela Winkler in der Titelrolle, der als Koproduktion des hannoverschen „Theaterformen“-Festivals auch hier zu sehen war. Wer das erlebt hat, der hat die Bilder noch vor Augen: Otto Sander als König Claudius, Eva Mattes als Königin Gertrude und vor allem Angela Winkler, die Hamlets Verwirrtheit und seine Verzweiflung wunderbar verkörperte.

Nicht nur Angela Winkler hat er entscheidend mitgeprägt, auch Ulrich Wildgruber, der bis zu seinem Selbstmord zum engsten Zadek-Zirkel gehörte, Bruno Ganz, Josef Bierbichler, Hannelore Hoger oder Rosel Zech – um nur einige zu nennen. Sein Regiestil wurde immer konzentrierter, schwereloser. Am liebsten versammelte er die Schauspieler seiner Wahl, um mit viel Zeit (und viel Geld) eine Produktion zu erarbeiten, die dann auf Triumphreise durch die Theaterwelt ging.

Was er wollte, hatte er selbst einmal so beschrieben: „Ich will die größtmögliche Freiheit auf der Bühne geben bei gleichzeitiger größtmöglicher Konzentration auf die Sache.“ Dafür liebten ihn die Schauspieler. Und – manchmal mit gehöriger Bedenkzeit – auch die Zuschauer.

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