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Kultur Pianist Rudolf Buchbinder spielt in Hannover
Nachrichten Kultur Pianist Rudolf Buchbinder spielt in Hannover
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19:03 20.03.2012
Von Rainer Wagner
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„Nur Wissen macht frei“: Rudolf Buchbinder. Quelle: Borggreve
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Hannover

Wenn es um Beethoven geht, ist Rudolf Buchbinder ein Mann der Superlative. 41-mal hat er - nach eigener Zählung - bislang alle Beethoven-Klaviersonaten als Gesamtzyklus aufgeführt, aber weil da gerade ein neuer Zyklus läuft, ändert sich die Zahl ständig. Gerade kommt er in Sachen Beethoven aus Peking zurück.

In Hannover hat er alle 32 Beethoven-Sonaten vor knapp 30 Jahren schon einmal gespielt. Am kommenden Sonntag startet er einen neuen Zyklus, der sich allerdings zeitlich etwas weiter spreizen wird. Für die kommenden Spielzeiten sind derzeit jeweils zwei Beethoven-Abende bei Pro Musica eingeplant.

Buchbinders Neugier ist ungebrochen. Stolz zeigt er in seinem Arbeitzimmer, dass die Zahl der Notengesamtausgaben, die er besitzt, mittlerweile auf 35 Exemplare angewachsen ist. Und zieht gleich die ersten Exemplare heraus, um zu zeigen, wo geschlampt wurde und wie sich welche Fehler fortgeschrieben haben. "Das ist wie im Internet; was erst einmal veröffentlicht wurde, kommt immer wieder hoch, auch wenn es falsch war." Besonders die "Henle Urtext"-Ausgabe hat es ihm angetan. Von wegen Urtext. Sagt es, belegt die Fehler mit authentischen Quellen - und spielt schon mal auf einem seiner beiden Steinways die richtige Variante. Buchbinder ist bekennender Steinway-Fan, vom österreichischen Bösendorfer-Mythos hält er gar nichts, der Flügel muss schließlich klingen.

Vor Kurzem hat er alle Beethoven-Konzerte mit den Wiener Philharmonikern eingespielt, als Konzertmitschnitte natürlich, denn Buchbinder mag den Kitzel des Konzerts, auch wenn er sagt, dass die Anspannung vor dem Konzert mit den Jahren nicht ab-, sondern zunehme: "In der Garderobe habe ich noch warme Finger, aber dann auf der Bühne sind sie eiskalt." Das merkt aber keiner, und es vergeht offenbar mit dem ersten Tastendruck.

Wer diese Konzerte hört und sieht, wundert sich vielleicht, wie stark das immer wieder swingt. Hat Beethoven gar den Boogie-Woogie erfunden? "Die letzte Sonate op. 111 heißt jedenfalls unter uns die Boogie-Woogie-Sonate, und in jedem der fünf Klavierkonzerte findet sich mindestens eine Stelle, wo ein phantastischer Swing ist", sagt Buchbinder und führt dann gleich am Flügel vor, wie man dem dritten Satz des zweiten Beethoven-Konzerts durch Betonungen Swing verleiht. Und der Schlusssatz des ersten Konzerts klingt für ihn fast südamerikanisch, "das ist unglaublich".

Aber Improvisieren ist bei Beethoven "strengstens verboten" - auch wenn bei Buchbinder die Kadenzen bisweilen klingen, als fantasiere er da vor sich hin. Aber das traut er sich nur bei Mozart, wo er dann schon mal ein "Happy Birthday" einflicht, wenn der Dirigent gerade Geburtstag hat. Und auf einer Italientournee hat er kurz vor Weihnachten in Bari bei 25 Grad Celsius auch mal "White Christmas" eingeschmuggelt.

Bei Beethoven aber hört der Spaß auf, schließlich hat der Meister selbst ganz böse reagiert, wenn sein Notentext verhunzt wurde. Improvisiert hat Beethoven lieber über andere Themen.

Vor dreißig Jahren haben wir uns schon einmal über Beethoven unterhalten, damals sagte mir Buchbinder, es könne nicht gut gehen, wenn man bei Konzerten vom Klavier aus selbst dirigiert. Er mag es kaum glauben, dass er einst so dachte. Immerhin hat er in all den Jahren rund 500-mal vom Klavier aus dirigiert. "Und alle Orchester sind von dieser Art des Musizierens begeistert, weil die Musiker da viel mehr Verantwortung haben."

Vor allem natürlich mit Mozart und Beethoven hat er das gemacht, aber auch mit Schumann und Chopin. Für Buchbinder ist das dann "eine Art vergrößerte Kammermusik". Womit er wieder zurück bei seinen Wurzeln ist, denn seine Karriere hat der 65-Jährige, der mit fünf Jahren als jüngster Student an der Musikhochschule in Wien aufgenommen wurde, als Kammermusiker begonnen.

1961 gewann er mit dem Wiener Trio den 1. Preis beim Wettbewerb des Bayerischen Rundfunks. Eigentlich war er damals viel zu jung, aber weil die Teilnahmebedingungen erlaubten, dass ein Mitglied des Trios älter war, als es die Altersgrenze vorsah, kämpfte Buchbinder erfolgreich darum, dass diese Ausnahmeregelung auch für einen zu jungen gelten müsse.

Die Wiener Großen sind ihm wichtig, aber er spielt nicht nur die Brahms-Konzerte, sondern auch Gershwin: "Das ist kein Jazz, das ist ein großartiges Konzert."

Zu Hause hört er gerne Nat King Cole oder Frank Sinatra, er sammelt alte Filme auf DVD, aber seine eigenen Aufnahmen hört er selten. "Meine CDs sind alle noch originalverpackt." Nur die ganz frühen Aufnahmen findet er spannend: "Manchmal erschrecke ich, wie instinktiv richtig man als ganz junger Mensch spielen kann." Andererseits staunt er immer wieder darüber, wie er als 30-Jähriger Beethoven interpretiert hat: "Als junger Mensch ist man viel zu unflexibel, zu intolerant, zu engstirnig."

Geblieben ist nur seine Programmwahl. Er geht bei Beethoven nicht chronologisch vor, denn das sei nicht spannend genug. Nur die drei letzten Sonaten spiele er nacheinander. "Das sind die Letzten, nicht die Größten." Und welches ist die Größte? "Die ‚Appassionata‘, das hat Beethoven auch so gesehen, und die ,Hammerklaviersonate‘."

Ein Leben mit Beethoven also. Immer neue Einsichten. Denn nach all den Jahren heißt seine Erkenntnis: "Ich kann nur frei sein, wenn ich es weiß und es kann. Nur Wissen macht frei."

Das Auftaktkonzert zum Beethoven-Zyklus gibt Rudolf Buchbinder am Sonntag, 25. März, um 20 Uhr im Großen Sendesaal des NDR Hannover. Karten: (0511) 363817. Für die kommenden drei Jahre sind sechs weitere Abende geplant.

Martina Sulner 20.03.2012
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