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11:33 10.03.2014
Von Stefan Arndt
Konzertiert und voll dabei: Alice Sara Ott bei der Einspielprobe.
Konzertiert und voll dabei: Alice Sara Ott bei der Einspielprobe. Quelle: Tobias Kleinschmidt
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Hannover

Alice Sara Ott hat sicher das Zeug zur großen Pianistin. Ihr Lehrer, der hannoversche Klavierprofessor Karl-Heinz Kämmerling, hat sie kurz vor seinem Tod 2012 noch als eines der vielversprechendsten Talente gelobt, die er je unterrichtet hat. Seither hat die Karriere der heute 25-jährigen Deutsch-Japanerin beträchtlich Fahrt aufgenommen. Sie spielt mit den besten Orchestern der Welt, und ihre Aufnahmen erscheinen exklusiv beim altehrwürdigen Label Deutsche Grammophon. Nun endlich war der erste große Auftritt der Pianistin in Hannover bei Pro Musica zu erleben. Umso erstaunlicher, dass er am Ende nicht das eigentliche Ereignis im Großen Sendesaal war.

Das Swedish Chamber Orchestra genießt (noch) keinen Weltruhm und stahl doch der Pianistin die Schau. Das 1995 gegründete Ensemble vereint die Vorzüge eines Sinfonieorchesters mit der Kammermusikbesetzung, die es im Namen trägt. Allein der Masse nach machen die Schweden eher ein Orchester aus: Eine Streicherformation mit acht ersten Geigen hat durchaus philharmonische Dimensionen. Die Musiker aber spielen stets so geschlossen und reaktionsschnell, als hätten sie nur die kurzen Dienstwege eines Quartetts zu absolvieren.

Die Mischung aus höchst beweglichen Streichern und Bläsern, die trotzdem kraftvoll zubeißen dürfen, macht den Klang des Ensembles spektakulär. Dirigent Thomas Dausgaard weiß das zu nutzen: Gleich die erste Cellofigur von Brahms’ „Ungarischen Tänzen“, die den Abend eröffnen, hat einen Zug in sich, der den Zuhörer aus den Sesseln heben kann. Später, in Dvoráks mitreißender achten Sinfonie, gibt es dann kein Halten mehr: riesiger Applaus im ausverkauften Funkhaus und gleich zwei Zugaben: ein brahmsscher „Liedesliederwalzer“ und der „Tanz der Hirtenmädchen“ aus Hugo Alfvéns Ballett „Der Bergkönig“.

Wie großartig die Ensembleleistung ist, ahnt man erst recht, wenn man die vielen kleinen Fehler vor allem der Holzbläser hört: Das Orchester mit Sitz im pittoresken Örebro hat durchaus nicht nur Spitzenmusiker in seinen Reihen. In Hannover zeigt es aber sehr beeindruckend, dass es darauf allein nicht ankommt. Die Motivation und die Risikobereitschaft, die die Schweden unter Beweis stellen, machen kleinere individuelle Schwächen mehr als wett. Hier hört man, dass es ein Abenteuer sein kann, ein Konzert zu spielen.
Auch die Solistin weiß das offenbar zu schätzen: Die Blumen, die Alice Sara Ott am Ende bekommt, reicht sie gleich an die beiden Hornisten weiter, die nicht nur bei den undankbaren langen Oktavtönen im zweiten Satz von Beethovens erstem Klavierkonzert Durchhaltevermögen demonstriert hatten.

Die Pianistin selbst hielt sich eher an die kleinen Spitzen und Kanten, mit denen Beethoven das Stück versetzt hatte, mit dem er sich 1795 erstmals der staunenden Öffentlichkeit als Pianist und Komponist präsentierte. Jede Melodie, jede Phrase hat hier etwas betont Unkonventionelles. Es gibt ungewöhnliche Symmetrieverhältnisse und kleine Nachschläge in den Mittelstimmen, die fast jeder Melodie Widerhaken verleihen.

Bei Ott ist gerade das ein wenig überdeutlich zu hören, während ihr auf der anderen Seite die Klarheit der Strukturen und eine gute Durchhörbarkeit nicht so sehr am Herzen zu liegen scheinen. Dass die Aufführung trotzdem nicht exzentrisch wirkt, ist der Entschiedenheit zu danken, mit der Dausgaard und sein Orchester große Linien ziehen. Und die hier verwendete originale Kesselpauke (im Unterschied zur modernen Pedalpauke bei den romantischen Werken) macht nur sichtbar, wie gewandt und selbstverständlich das Ensemble sich in allen Stilen bewegen kann.
Ihrem guten Ruf wurde Ott dann spätestens in der ausgedehnten Kadenz gerecht, bei der man sich auch fragen konnte, wie eine so zarte Person solchen Klavierdonner hervorrufen kann. In der Zugabe harmonierten Klang und Erscheinung dann perfekt: Schumanns  zweite Romanze (op. 28) überzeugte mit Klangsensibilität und fast kontrapunktischer Raffinesse.

Konzert am Dienstag

Am Dienstag spielt die Pianistin Sophie Pacini bei Pro Musica: um 20 Uhr im Kleinen Sendesaal, Karten gibt es unter: (05 11) 36 38 17.

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