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Kultur Neues Stück von Felix Landerer in der Eisfabrik
Nachrichten Kultur Neues Stück von Felix Landerer in der Eisfabrik
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12:16 28.05.2018
Szene aus „Pink or Blue (Part 1) von Felix Landerer in der Eisfabrik. Quelle: Bettina Stöß
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Hannover

Was sollen bloß immer diese Hasenohren? Alle paar Minuten heben die vier Frauen auf der Bühne die Arme, um die Hände hinter dem Kopf aufragen zu lassen, als spielten sie „Häschen in der Grube“. Vielleicht imitieren sie auch Playboy Bunnys. Oder die Geste ist als neckischer Wink in Richtung männlicher Mario-Barth-Fans gemeint, die gern „och, Hase!“ ausrufen, wenn die Frau mal wieder zu lang vor dem Kleiderschrank steht. Die Hasenfrage bleibt letztlich rätselhaft. Wie so manches in Felix Landerers aktuellem Tanzstück „Pink or Blue (Part 1)“, das jetzt in der Commedia Futura in der hannoverschen Eisfabrik Premiere hatte.

Felix Landerer in der Eisfabrik

Dieser erste Teil einer Choreografie, die sich mit Geschlechterstereotypen beschäftigt, widmet sich der Definition von Weiblichkeit; in der für Herbst angekündigten zweiten Hälfte soll es dann um Bilder von Männlichkeit gehen. Landerers Frauenquartett (Jessica van Rüschen, Anila Mazhari, Yi Chun Liu und Sara Enrich Bertram) bedient etliche Klischees vom sanftmütigen Hascherl bis zur herrischen Diva. Da wird geziert im Tutu herumgetrippelt und sich gegenseitig boshaft an den Haaren gezogen. Da gibt es eitles Posieren und verängstigtes Kauern. Vielleicht liegt es an der Jugendlichkeit der Tänzerinnen, dass trotz des steten Wechsels an Konstellationen und Stimmungen immer eher das Mädchenhafte und weniger das Frauliche überwiegt. So bleibt etwa die Rolle der Mutter auf der Strecke.

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Den Höhepunkt markiert eine Szene, in der das Quartett sich in Tierimitationen und Ringelreihen mit Kraulen und Streicheln zum grollenden und geräuschvollen Sound von Landerers Lieblingskomponist Christof Littmann verliert. Es wird gekreischt und gekichert. Alles wirkt wie ein ausgelassener Kindergeburtstag. Mancher im Publikum lacht. Es ist alles herrlich überdreht. Aber was hat das mit Weiblichkeit zu tun? Könnte diese Szene nicht genauso gut auch Teil eines Stücks sein, das auf rein männlich konnotierte Verhaltensweisen abstellt? Landerer führt seinen Zuschauern letztlich vor Augen, dass die Grenzen zwischen dem, was gemeinhin als typisch weiblich beziehungsweise als typisch männlich gilt, oft fließend sind.

In seiner ihm eigenen Tanzsprache setzt er viel auf Repetition und Stillleben sowie dem Wechselspiel von Rasanz und Ruhe. Mit subtilen Veränderungen in Gestik, Mimik und Tempo gelingt es ihm beispielsweise, das sich in Sekundenschnelle eine Gruppe affektierter Zicken plötzlich in eine Bande aus Raufbolden und ein niedliches Häschen in einen aggressiven Stier verwandelt. Doch wirken die Ideen und Bilder ein bisschen zu lose aneinandergereiht. Es mangelt dem rund einstündigen Stück an Dramaturgie. Der Einfallsreichtum an Bewegungen sowie die schauspielerische und tänzerische Ausdruckskraft der vier Protagonistinnen machen diese Hälfte von „Pink or Blue“ dennoch sehenswert.

„Pink or Blue (Part 1)“ ist wieder am 1. Juni von 20 Uhr an in der Eisfabrik zu sehen. Infos und Karten unter www. commedia-futura.de.

Von Kerstin Hergt