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Kultur „Pippa Lee“: Eine Frau sucht nach sich selbst
Nachrichten Kultur „Pippa Lee“: Eine Frau sucht nach sich selbst
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19:50 30.06.2010
Von Stefan Stosch
Aufbruch einer Mustergattin: Pippa Lee (Robin Wright Penn) und Chris (Keanu Reeves) kommen sich näher. Quelle: Senator
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Welch ungünstiger Augenblick für eine Liebeserklärung – und dann auch noch telefonisch! Dabei liegt Pippa Lees Ehemann Herb (Alan Arkin) gerade im Sterben. Jahrelang hat sie den fast 30 Jahre Älteren in einem Rundum-sorglos-Paket betreut. Von der Lieblingskäsesorte bis zum täglichen Blutdruckmessen: alles inklusive. Seine Egozentrik und sein Überlegenheitsgehabe hat Pippa (Robin Wright Penn) mit stoischer Gelassenheit ertragen. Sie war die Frau an seiner Seite und sowieso der Überzeugung: „Die Ehe ist ein Willensakt.“

Nun ist ein alter Freund der Familie am Apparat und gesteht ihr seine Gefühle. Vielleicht ist genau das die Zeit für Entscheidungen. Erst kommentiert die Endvierzigerin die Liebeserklärung knapp mit „Oh“, dann erwidert sie: „Ich koche von nun an keinen Lammbraten mehr.“ Dann legt sie den Hörer auf.

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Schon in diesem Satz gibt sich das Drama einer verzweifelten Hausfrau zu erkennen, die ihre Verzweiflung gerade so richtig entdeckt. Die Anzeichen für Pippas Ringen waren aber schon zuvor erkennbar: Pippa ist nachts als Schlafwandlerin unterwegs, sogar zum Zigarettenholen bricht sie im Nachthemd in die Stadt auf. Und auch tagsüber umweht sie etwas Somnambules – egal, ob sie heimlich raucht oder ihre eigenen Bedürfnisse zurückstellt. Ihre beiden erwachsenen Kinder, zumal ihre Tochter, verachten sie geradezu wegen ihrer Anspruchslosigkeit. Pippa versucht’s zwischenzeitlich mit Töpferkursen, aber auch die helfen ihr nicht heraus aus ihrer Tristesse.

Am 1. Juli startet die Tragikomödie „Pippa Lee“ in den deutschen Kinos.

Doch jetzt will Pippa wissen, wer sie ist. In Rebecca Millers Kinodrama ­„Pippa Lee“ geht sie ihrem Dasein auf den Grund. In hart geschnittenen Rückblenden werden wir mit ihrer Vergangenheit vertraut gemacht. Mehr und mehr bröckelt die Fassade der in sich ruhenden Hausfrau. Pippas bisheriges Leben lässt sich in sehr gegensätzliche Phasen einteilen. Es ist, als hätte sie mehrere Leben geführt.

Die Kindheit war ein Horror. Ihre pillenabhängige Mutter (Maria Bello) erzog Pippa zum Modepüppchen. Als Teenager entkommt sie zu ihrer lesbischen Tante und entdeckt (unter Anleitung von Julianne Moore), was sexuelle Freiheit bedeuten könnte. Von dort führt ihr Weg direkt in die Künstler- und Drogenszene. Pippa ist jetzt ein Partygirl und balanciert gefährlich nahe an der Selbstzerstörung. In diesem Zustand liest Herb sie auf. Er wird zu ihrem Retter. In Dankbarkeit ist sie ihm verbunden.

Aber jetzt ist endlich der Ausbruch aus ihrem vorgezogenen Seniorendasein fällig, und der richtige Mann dazu ist auch gerade aufgetaucht: Es ist der Zigarettenverkäufer von der Tankstelle in der Stadt, der sie nach dem Schlafwandeln wieder nach Hause gefahren hat. Das ist auch so eine verkrachte Existenz – und wird gespielt vom Frauenversteher Keanu Reeves.

Selbstfindungsdramen können ziemlich anstrengend sein, dieses hier ist es nicht. Das liegt an dem tragikomischen Ton, den die Regisseurin – Tochter des Schriftstellers Arthur Miller und der Fotografin Inge Morath sowie Ehefrau von Oscar-Schauspieler Daniel Day-­Lewis – beinahe durchweg anschlägt. Miller verfilmt ihren eigenen Roman, der im Original „The private Lives of Pippa Lee“ heißt.

Robin Wright Penn gelingt es überzeugend, Pippas innere Zerrissenheit aufzufächern. Gewiss, man könnte böse sagen: „Pippa Lee“ ist ein Frauenfilm, in dem Luxusprobleme verhandelt werden, und doch können auch Männer etwas mit Pippas inneren Qualen anfangen. Das liegt vor allem am Spiel der Hauptdarstellerin, aber auch an der Besetzung der anderen Rollen.

Auch Winona Ryder und Monica Bellucci sind mit von der Partie. Die schöne Bellucci taucht gerade einmal für gefühlte zwei Minuten auf. Dann steckt sie sich eine Pistole in den Mund und erschießt sich. So eine Selbstfindung kann eine richtig gefährliche Sache sein.

Wer bin ich, und wenn ja, wer war ich? Elegantes Selbstfindungsdrama. Cinemaxx Nikolaistraße, Hochhaus.