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Kultur „Please Give“: Stadtneurotikerin im moralischen Dilemma
Nachrichten Kultur „Please Give“: Stadtneurotikerin im moralischen Dilemma
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19:17 07.07.2010
Von Stefan Stosch
Tochter Abby (Sarah Steele) kann‘s nicht mehr hören: Mama Kate (Catherine Keener) predigt wieder von der Ungerechtigkeit auf dieser Welt. Quelle: Sony

Tue Gutes und fühle dich besser, ein bisschen wenigstens. Nach diesem Motto verfährt Kate (Catherine Keener) in ihrem New Yorker Alltag, ­allerdings mit durchwachsenem Erfolg. Der ältere, leicht unordentlich gekleidete Herr beispielsweise, dem sie mit gene­röser Geste die gut verpackten Reste ­ihres Dinners in die Hand drücken will, reagiert sichtlich verstimmt. Der Mann fristet sein Dasein gar nicht auf der Straße, wie Kate vermutet hat, sondern wartet seinerseits auf einen freien Tisch im Restaurant.

Kein Wunder, dass Kate immer wieder mal Probleme damit hat, ihr latent schlechtes Gewissen zu besänftigen. Sie ist so etwas wie ein typischer Vertreter unserer westlichen Überflussgesellschaft: Kate weiß nur allzu gut, dass es ihr besser geht als den meisten anderen Bewohnern auf diesem Planeten – und deshalb geht es ihr gleich ein wenig schlechter.

Ihr Job macht es ihr nicht unbedingt leichter. Sie kauft bei Haushaltsauf­lösungen günstig Antiquitäten ein, die sie zusammen mit ihrem Ehemann Alex (Oliver Platt) in einem schicken Laden in Manhattan dann deutlich teurer an reiche Kunden veräußert. Nicht, dass sie irgendjemanden bei diesen Geschäften im eigentlichen Sinne übers Ohr hauen würde, aber sie zieht doch Gewinn daraus, dass andere weniger von Antiquitäten verstehen als sie.

Bei anderen Fragen zeigt sich Kate umso mehr als Moralapostel: Ihre Tochter Abby (Sarah Steele) soll auf sündhaft teure Designerware verzichten. Was ­daran konsequent ist?

Niemand behauptet, dass dies so wäre in dem Kinofilm „Please Give“, bei dem Nicole Holofcener Regie geführt und auch das Drehbuch geschrieben hat. In „Friends with Money“ lotete Holofcener vor fünf Jahren schon einmal den komplizierten Zusammenhang von Glück und Geld aus, nun geht es ihr um ein deprimierendes Lebensgefühl, um mora­lische Fallstricke, um die Ungerechtigkeit als unausrottbaren Zustand auf dieser Welt.

Viele Episoden und viele Figuren gruppiert die New Yorker Filmemacherin rund um Kate und Alex. Dürfen sich die beiden etwa darüber freuen, wenn die alte Dame (Ann Morgan Guilbert) im Nachbarapartment stirbt? Jetzt darf das Ehepaar zwar endlich seine eigene Wohnung vergrößern, das war schließlich schon lange geplant – fühlt sich andererseits aber auch verpflichtet, Mitgefühl für die Enkelinnen Rebecca (Rebecca Hall) und Mary (Amanda Peet) zu ent­wickeln. Man kann es also drehen und wenden, wie man will: Schuldig fühlt man sich immer.

Catherine Keener, seit Jahrzehnten eine erfahrene Kraft auch für anspruchsvolle Rollen wie in „Being John Malkovich“ oder „Capote“, spielt Kate als eine hibbelige Stadtneurotikerin. Man ent­wickelt durchaus Mitgefühl für sie, gerade weil sie sich auch immer wieder selbst belügt. Zudem gerät sie selbst ebenso auf die Opferseite, ohne dass sie eine Ahnung davon hätte. Zum Beispiel weiß sie nichts von der Affäre, die ihr Mann mit der blonden Enkelin von nebenan begonnen hat – und das ausgerechnet im Massagesalon.

So entwickelt dieser Film über eineinhalb Kinostunden eine angenehm beschwingte Betriebstemperatur. „Please Give“ macht niemandem ein schlechtes Gewissen, sondern lässt sich im Komödienfach einsortieren. Aber die Leichtigkeit birgt auch Gefahren: Kates aussichtsloser Kampf um Gerechtigkeit plätschert sanft dahin, ohne dass der Zuschauer davon mitgerissen würde. Am Ende ist man geneigt, einfach mit den Schultern zu zucken: Dieser Kate ist nicht zu helfen.

Stadtneurotikerin im moralischen Dilemma: Sympathische Komödie. Cinemaxx Nikolaistraße

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