Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Tabea Farnbacher will Poetry-Slam-Meisterin werden
Nachrichten Kultur Tabea Farnbacher will Poetry-Slam-Meisterin werden
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:18 25.10.2017
Von Ronald Meyer-Arlt
Poetry-Slammerin Tabea Farnbacher. Quelle: Clemens Heidrich
Anzeige
Hannover

Deutschlehrer. Sie zu kritisieren ist so einfach. Aber manchmal machen sie auch alles richtig. Wie zum Beispiel die Herren Figur und Hunecke-Weigelin von der Wilhelm-Raabe-Schule in Hannover. Denn die haben zugehört und nachgefragt und gelobt und ermuntert, der eine in der Mittelstufe, der andere später, als es aufs Abitur zuging.

Beiden, sagt Tabea Farnbacher, habe sie es mit zu verdanken, dass sie jetzt als Poetry-Slammerin auf den Bühnen steht. Und zwar recht erfolgreich. Gerade hat sie es auf den zweiten Platz bei den U20-Meisterschaften des deutschsprachigen Poetry-Slams geschafft. Und jetzt wird sie bei den deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften auf der Bühne stehen, die von Dienstag bis Sonnabend, 28. Oktober, in Hannover stattfinden.

Anzeige

Geschrieben, sagt Tabea Farnbacher, habe sie schon seit Grundschulzeiten - „um mir selbst Klarheit zu verschaffen“ und weil das Schreiben auch ein „Akt der Emanzipation“ sei. Mit ihren Texten in die Öffentlichkeit gegangen ist sie erst vor einem Jahr beim „Literadeln“, einer Veranstaltung der Region Hannover, bei der Literaturinteressierte mit dem Rad ins Grüne fahren und einander Texte vorlesen. Organisator und Poetry-Slammer Tobias Kunze wurde auf Farnbacher aufmerksam und lud sie zu einem Poetry-Slam in Hannover ein. Weitere Auftritte auch in anderen Städten folgten. So schnell kann’s gehen.

Wer am meisten Punkte hat, gewinnt

Beim Poetry-Slam müssen sich Autoren mit ihren Texten vor Publikum bewähren. Es kommt dabei nicht nur darauf an, was gesagt, sondern auch, wie es gesagt wird. Die Zuschauer werden bei dieser Art von Dichterwettstreit zu Literaturkritikern. Allerdings haben sie es nicht ganz so schwer wie ihre Kollegen von den Medien - sie müssen zwar urteilen, aber sie müssen ihr Urteil nicht begründen. Sie geben Punkte: Zehn gibt es für eine Bestleistung, fünf für so lala, weniger als drei Punkte werden in der Regel nicht vergeben.

Die Publikumskritiker beim Poetry-Slam sind meist ziemlich freundlich. Die Dichter treten in mehreren Runden gegeneinander an, die Moderatoren addieren die Punkte, am Ende wird zusammen- oder eben auch abgerechnet: Wer am meisten Punkte hat, wird Dichterkönig.

Tabea Farnbacher schätzt das Lesen fürs Publikum - und das sehr spezielle Schreiben, das dem vorausgeht. „Für einen Poetry-Slam darf man nicht zu komplex schreiben“, sagt sie, schließlich zähle der unmittelbare Eindruck, den das Publikum von einem Text hat. „Wenn ich für einen Poetry-Slam schreibe, bin ich gezwungen, auf das Wesentliche zu achten und den Adressaten im Blick zu haben.“ Eine der wichtigsten Fragen, die sie sich bei der Arbeit für einen Poetry-Slam stelle, lautet daher: „Wie berühre ich meine Zuhörer?“

Sie versucht das - anders als viele ihrer Slam-Kollegen - nicht mit Humor, sondern mit Lyrik und mit Botschaften. In ihrem Text „Soundtrack unserer Grenzen“ setzt sie sich mit Vorurteilen und Ausgrenzung auseinander und baut einige Geräusche in ihren Vortrag ein. Und dann ist da noch der „Brief an meine Depression“, ein Text, der viel mit persönlichem Erleben zu tun hat.

Beim Schreiben achtet die junge Autorin sehr darauf, dass der Text auch gesprochen gut funktioniert. Das heißt: Sie liest laut. In ihrer Wohngemeinschaft ist das kein Problem - „die sind alle sehr tolerant“ -, aber wenn sie im Zug schreibt und sich ihren Text dann selber vorliest, erntet sie doch manchmal befremdliche Blicke. Im Zug schreibt sie viel, denn sie lebt in Hannover, studiert aber in Hildesheim Psychologie und Pädagogik. Da bleibt viel Zeit, um neue Texte zu entwickeln.

Mit Sicherheit auf die Bühne

In Hildesheim hat sie gerade erst mit dem Studium begonnen. Zuvor hat sie in Berlin Philosophie und Erziehungswissenschaften studiert. Aber das war nichts für sie. „In der Philosophie ging es nur um Texte von Männern über Männer, die von Männern erklärt werden“, sagt Farnbacher und fügt an: „Ich habe mich sehr verloren gefühlt in der Philosophie und in Berlin.“

Sie ist erst 20 Jahre alt, hat erst vor zweieinhalb Jahren ihr Abitur gemacht. Aber sie spricht, als wäre sie ihre eigene Pressesprecherin. Jedes Wort ist wohlüberlegt, keine Ähhhs, kein Verhaspeln und wenn sie vom Studium erzählt, sagt sie immer „Studentinnen und Studenten“. Es ist angenehm, ihr zuzuhören, aber auch ein bisschen unheimlich.

Auf der Bühne ist diese Sicherheit freilich von Vorteil. Da wird Tabea Farnbacher am Mittwoch in der Vorrunde der deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften stehen. Und vielleicht sitzen die Herren Figur und Hunecke-Weigelin ja sogar im Publikum. Sollten die beiden sich das jetzt erst überlegen, wäre es allerdings zu spät.

Wie die meisten Veranstaltungen der Meisterschaften ist auch das Vorrundenlesen mit Tabea Farnbacher bereits ausverkauft.

Die Poetry-Slam-Meisterschaft in Hannover

Beim Poetry-Slam gibt es drei Regeln: Alle vorgetragenen Texte müssen selbst geschrieben sein. Hilfsmittel wie Kostüme, Requisiten oder Musikinstrumente sind nicht erlaubt. Und die Vortragenden müssen ein vorgegebenes Zeitlimit einhalten. Ansonsten ist alles möglich.
Seit den Neunzigerjahren finden Poetry-Slams auch im deutschsprachigen Raum statt. Von den Anfängen in Kneipen haben sich Slams zum zuschauerstarken Format entwickelt. Im deutschsprachigen Raum finden jeden Monat etwa 350 Poetry-Slams statt. Ihren Ursprung hat die Kunstform in den USA. Inzwischen ist die deutschsprachige Szene aber aktiver als die englischsprachige. Ende 2016 wurde der Dichterwettstreit auch in die deutsche Unesco-Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.

Seit 21 Jahren gibt es die deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften. Jetzt ist erstmals Hannover Austragungsort des Wettbewerbs. Vom morgigen Dienstag bis Sonnabend treten die besten Bühnendichter aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Luxemburg in Einzel- und Teamwettbewerben gegeneinander an. Erwartet werden 10 000 Besucher. Unrealistisch ist die Zahl nicht – die meisten Veranstaltungen sind jetzt schon ausverkauft.
Die Teilnehmer der deutschsprachigen Meisterschaften mussten sich über Landesmeisterschaften qualifizieren, wie es sie mittlerweile in 13 Bundesländern gibt. Außerdem durften große, etablierte Wettbewerbe aus einzelnen Städten eigene Vertreter schicken. Auch die Finalisten der deutschen U21-Meisterschaft sind in Hannover dabei.
Zur Eröffnungsgala am Dienstag um 20 Uhr im Theater am Aegi gibt es noch Karten. Moderiert wird die Gala von den Brüdern Peter und Klaus Urban, der eine ein bekannter Radiomoderator, der andere Psychologieprofessor und Poetry-Slammer. Als Gäste werden Philipp Scharrenberg, der deutschsprachige Einzelmeister aus dem vergangenen Jahr, sowie SlamPoet Sebastian 23 dabei sein.

Wie die Vorrunden und die Veranstaltungen zum Halbfinale ist auch das Finale am Sonnabend in der Oper ausverkauft. Auf haz.de wird es aber einen Livestream geben.

rom     

Stefan Arndt 22.10.2017
Kultur Sasha Marianna Salzmann im Porträt - Er, sie, ich
22.10.2017
Ronald Meyer-Arlt 25.10.2017