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Kultur Poker um millionenschwere Warhol-Werke
Nachrichten Kultur Poker um millionenschwere Warhol-Werke
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21:54 27.10.2014
Von Johanna Di Blasi
Vor der Versteigerung: Andy Warhols „Triple Elvis“ (1963) kommt in New York unter den Hammer.
Vor der Versteigerung: Andy Warhols „Triple Elvis“ (1963) kommt in New York unter den Hammer. Quelle: dpa
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Düsseldorf

Durch die Ankündigung, zwei Werke des Pop-Art-Künstlers Andy Warhol aus dem Besitz staatlich konzessionierter Spielbanken in Nordrhein-Westfalen zu versteigern, bekommt der Ausdruck „Kasinokapitalismus“ eine zusätzliche Bedeutungsdimension. Im Finanzmarktjargon bezeichnet das Wort ein hochriskantes Geschäftsgebaren, abgekoppelt von der Realwirtschaft. Aber auch sonst ist „Kasino“ Inbegriff für Gewinnstrategien, die dem Glücksspiel ähneln und regelmäßig Krisen auslösen.

In Nordrhein-Westfalen ist es ein tatsächlicher Kasinobetreiber, die landeseigene Westspiel, die sich mittels Kunstverkauf kapitalisieren möchte. Das Unternehmen ist eine Tochter der NRW-Bank, der Förderbank des Landes, die ihrerseits dem Landesfinanzministerium untersteht. Am 12. November bringt der Glücksspielbetrieb bei Christie’s in New York zwei Bilder zur Versteigerung: „Triple Elvis“ von 1963 und „Four Marlons“ von 1966. Die Bilder wurden nach Westspiel-Angaben 1977 und 1978 im Schweizer Kunsthandel als „Dekoration“ für die Aachener Spielbank erworben, für 388 000 Mark. Aktuell seien sie mit 130 Millionen Dollar taxiert. Das Geschäft mit der Kunst klingt, wenn man Spielerjargon bemühen möchte, nach einem „Bonusfeature“ für den in einer Strukturkrise steckenden Kasinobetreiber, der eine neue Spielbank in Köln plant. Bei Kulturpolitikern und Museumsdirektoren löste das Bekanntwerden des Deals aber einen Sturm der Entrüstung aus.

Mehr als zwei Dutzend Museumsdirektoren aus NRW protestierten inzwischen bereits in zwei Briefen an die Ministerpräsidentin des Landes, Hannelore Kraft, gegen den Verkauf. Der ist nach Darstellung des „Spiegel“ zumindest für die Ausfuhr des Elvis-Bildes sogar vom NRW-Kulturministerium genehmigt worden. Deutliche Worte dazu fand Kulturstaatsministerin Monika Grütters: „Kunstwerke sind keine Spekulationsobjekte“, sagte sie, sprach von einem „Tabubruch mit fatalen Folgen“ und warnte: „Das könnte Schleusen öffnen.“ Das Tabu ist allerdings längst und mehrfach gebrochen worden. Es existiert sogar ein Fachbegriff für die nicht zu leugnende Praxis des Entsammelns: „Deakzessionieren“. Und seit 2004 gibt es auch ein „Positionspapier“ des Deutschen Museumsbundes, das Modalitäten des „Verkaufs“ oder der „Entsorgung“ vorschreibt.

Sogar direkt aus Museen heraus hat es schon spektakuläre Kunstverkäufe gegeben. Unter heftigen Protesten ließ das Bremer Museum Weserburg 2010 in New York ein Matrosen-Bild von Gerhard Richter versteigern. Der Erlös von 8 Millionen Dollar floss in eine Stiftung zur Museumssanierung. Vor zwei Jahren erzielte die Nord/LB in Hannover ebenfalls in New York 30 Millionen Dollar Erlös aus der Versteigerung von Jeff Koons „Tulips“. Das Geld floss in eine neu gegründete Kunststiftung der Landesbank.

Der unter Spardruck stehende Energiekonzern Eon trennte sich Anfang dieses Jahres von einem Jackson-Pollock-Werk aus der Firmensammlung. Die Arbeit wurde aus dem Museum Kunstpalast in Düsseldorf geholt und versteigert. Das bislang teuerste Warhol-Werk wechselte vergangenen November für 105 Millionen Dollar den Besitzer („Silver Car Crash“). „Warhol-Bilder kosteten noch nie so viel wie heute“, sagt Westspiel-Sprecher Schramm. „Wer intelligent ist, verkauft jetzt“.

Mit seiner Kunstverkauf sieht sich der Kasinobetrieb in bester Gesellschaft: „Erst im vergangenen Jahr hat Daimler ein Warhol-Bild versteigert“, erinnert Schramm. Insgesamt besitze Westspiel „200 Werke im Wert von 6 Millionen Euro, die Warhols nicht mitgerechnet“. Die Bilder seien nicht mit Steuergeld angekauft worden, jedenfalls nicht direkt, sagt der Sprecher des indirekt Nordrhein-Westfalen gehörenden Unternehmens. Vorwürfe unsachgemäßer Lagerung der Kunstwerke weist der Unternehmenssprecher zurück. Ein 13 Meter hoher „Lichtregen“ des Düsseldorfer Zero-Künstlers Heinz Mack wurde indes nach den Worten des Künstlers beim Abbau im Aachener Kasino zerstört. Auch ein Marilyn-Siebdruck von Warhol soll zerstört worden sein. Ein Handwerker soll das Warhol-Original mit einer Tapete verwechselt und mit einem Türknauf durchstoßen haben, behauptet die Düsseldorfer Kunstberaterin Marianne Pannen.

Welche Kasinos horten sonst noch museale Kunstschätze als Dekoration oder eiserne Reserve? Die Spielbanken Niedersachsen beteuern auf Anfrage, gänzlich ohne Kunst auszukommen. „Werke von Picasso, van Gogh und Rembrandt haben wir nicht, nein, um Gottes willen“, ruft Antonius Müller aus, Prokurist der Sächsischen Spielbank. Früher, in Zeiten des „klassischen Spiels“, als noch französisches Roulette und Black Jack gespielt worden seien, habe man Kasinowände in Sachsen jedoch mit Gemälden von fliegenden Pferden und Damen mit roten Handschuhen dekoriert, gemalt von einheimischen Künstlern. „Zwei Bilder haben wir in ein Dresdener Museum gegeben.“

Monika Grütters appelliert an das Land Nordrhein-Westfalen, den Kunstverkauf „umgehend zu stoppen“. Die Kulturstaatsministerin steht in Berlin in diffizilen Gesprächen mit dem als schwierig geltenden Sammlerpaar Pietsch. Es geht um Kunst im Wert von rund 100 Millionen Euro. Grütters und die protestierenden Museumsdirektoren wissen, dass Schenkungswillige nichts mehr vergrault als das Gefühl, dass im Hintergrund schon Verwaltungsbeamte lauern, um Kunstschätze zu verhökern. Der Warhol-Verkauf sei nicht mehr rückgängig zu machen, hat das nordrhein-westfälische Finanzministerium mittlerweile eingeräumt. An der Versteigerung wird neben Westspiel das Land kräftig mitverdienen.

Die Finanzbeamten haben offensichtlich nicht John Maynard Keynes „General Theory of Employment, Interest and Money“ gelesen, worin es heißt: „Wenn die Kapitalentwicklung eines Landes zum Nebenerzeugnis der Tätigkeit eines Spielkasinos wird, wird die Aufgabe voraussichtlich schlecht erledigt werden.“ Kasinokapitalistisch kommt die Warhol-Versteigerung zum rechten Zeitpunkt, sie sendet jedoch das falsche Signal.

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