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19:11 02.04.2014
Von Daniel Alexander Schacht
„Es gibt kein Original“: Alice Channer auf ihrer Installation „Landslide“ in der Kestnergesellschaft.
„Es gibt kein Original“: Alice Channer auf ihrer Installation „Landslide“ in der Kestnergesellschaft. Quelle: Lübke/dpa
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Dass sich hier feste und flüssige Zustände, analoge und digitale Welten, Stillstand und Bewegung verschränken – das ist symptomatisch für jene Arbeiten junger Künstler in Großbritannien, die die Kestnergesellschaft jetzt in der Ausstellung „Pool. Kunst aus London“ zum 300. Jubiläum der Personalunion zwischen Hannover und London präsentiert.

Wie verschieden die dabei gezeigten Werke trotz solcher Gemeinsamkeiten sind, lässt schon das Auftreten der Künstler ahnen: Alice Channer beispielsweise kommt im hochgeschlossenen kleinen Schwarzen zur Präsentation und streift für den Fotografen extra die Schuhe ab, bevor sie auf ihrer digitalen Wasserrutschbahn Platz nimmt, die bizarrerweise den Titel „Landslide“, also Erdrutsch, trägt. Ihr Kollege Aaron Angell ist auf neongrünem Joggingschuhwerk unterwegs, hat die Sonnenbrille in den Ausschnitt seines Sweaters gehängt, steckt die Hände in die Taschen seiner Trainingshose. So verschieden inszenieren sich Künstler aus London – auch mit Distanz zum eigenen Kunstanspruch.

So bezieht Aaron Angell mit seinem Prekariatsoutfit wie mit seinen Werken in der Kestnergesellschaft ebenso ironisch zur Rolle des Künstlers Stellung wie zum Ausstellungsort. „Pol“ zum Beispiel, seine Installation im Erdgeschoss, ist zunächst nur ein handelsübliches Aquarium. Darin bietet einstweilen eine Keramikarbeit drei Axolottl-Lurchen Unterschlupf. Doch in den nächsten Monaten will Angell in dem Wasser des Aquariums nacheinander noch Werke von vier befreundeten Künstlerkollegen zeigen.

In sorgsamer Handarbeit zur optischen Alterung

Wie das wohl die lichtscheuen Lurche aufnehmen, die sich derzeit am liebsten unter Angells Keramik zurückziehen? „Axolottls sind leider nicht transportfähig“, sagt Angell. „Diese hier wurden in Hannover besorgt.“ Gleichviel: Mit „Pol“, altenglisch für „Pool“, wird der Künstler zum Kurator einer Ausstellung in der Ausstellung, die ja nicht nur „Pool“ heißt, sondern auch in einem ehemaligen Pool stattfindet, eben im einstigen Goseriedebad. Alles fließt? Hier ist jedenfalls vieles im Fluss. Freude an fließenden Übergängen zeigt auch Nicolas Deshayes, der für das Foyer der Kestnergesellschaft ein Alugussrelief geschaffen hat, dessen Strömungsmuster von einem steinernen Relief auf der Fassade des Goseriedebades inspiriert ist.

Mit Übergängen zwischen fest und flüssig spielt auch Magali Reus, in deren Metallkisten teils Flüssigkeiten zu schwappen scheinen, die sich bei genauerer Prüfung als Silikonflächen erweisen. Reus staffiert ihre wie Kühlschränke aussehenden Kisten übrigens zu Unikaten aus – sogar Holz, das nur zur Transportsicherung angebracht scheint. Was in der wirklichen Welt ein Wegwerfartikel ist, wird hier in sorgsamer Handarbeit zur optischen Alterung geflämmt.

Schon beim Betreten des alten Goseriedebades, noch bevor all das zu sehen ist, bekommt man den künstlerischen Beitrag von Cally Spooler mit. Der ist zwar unsichtbar, dafür aber (fast) überall gut hörbar. Am besten in einem eigens dafür vorgesehenen vier mal vier Meter großen Raum, in dem ein Lautsprecher steht, der in einer Endlosschleife den A-cappella-Gesang von sechs Frauen zu Gehör bringt. Der Gesang steigert sich  binnen sechs Minuten zu einem Punkt der Umkehr, weshalb das Ganze auch „U-Turn“ heißt. Dieser Gesangsloop ist wiederum eine Auskoppelung aus einem Musical von Spooler, in dem die Künstlerin den Verlust lebendiger Rede geißelt. Ein Verweis auf die Klage über den Untergang echter Lebenswelten, dargeboten aus der Box – das ist wiederum ein starkes Stück der Konfrontation von analoger und digitaler Welt.

„Es gibt kein Original“

Ist das alles britisch? Die fünf Künstler sind nicht einmal alle Briten, Reus stammt aus den Niederlanden, Deshayes aus Frankreich. Aber alle leben in London, alle sind jünger als 40, alle sind großgeworden mit der Erfahrung, dass kaum ein Werkstoff  nicht simuliert werden kann, dass fast jedes Material beliebig kopierbar und adaptierbar ist.

Am deutlichsten wird das wiederum bei Alice Channer, die auch ein paar seltsame Aluminiumskulpturen an der Wand der hohen Kuppelhalle angebracht hat, Gesteinsbrocken auf den ersten Blick, doch merkwürdig gestreckt. „Ich habe in einer Baustelle vor meinem Atelier Betonbrocken gesammelt, sie eingescannt, am Computer gestreckt und dann negativ auf den 3-D-Drucker geschickt“, sagt sie. „Damit hatte ich die Druckschablonen für den Aluguss.“

Was ist da Abbild, was das Vorbild? „Es gibt kein Original“, lautet Alice Channers kurze Antwort. Außer vielleicht  in den Kunstprojektionen der Betrachter. Und natürlich im Kopf der Künstlerin oder des Künstlers. Wenn der originell ist.

„Pool. Kunst aus London“ vom 4. April bis zum 6. Juli, Eröffnung heute um 19 Uhr in der Kestnergesellschaft, Goseriede 11.

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