Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Die Königskiste
Nachrichten Kultur Die Königskiste
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 11.02.2015
Von Ronald Meyer-Arlt
Kampf der Königinnen: Maria Stuart (Sarah Franke) liegt am Boden, Elisabeth (Beatrice Frey) herrscht auf ihrem Eames-Thron.
Anzeige
Hannover

Sie muss ihre Stimme nicht erheben. Sie muss nur schauen und nur kurz die Hand heben. Dann erstirbt der Applaus, und die Zuschauer, die im Schauspielhaus am Ende etwas voreilig applaudierten, müssen einsehen, dass sie einen Fehler gemacht haben. Der Tod Maria Stuarts ist nämlich gar nicht das Ende. Die letzten Worte hat hier selbstverständlich Elisabeth. Sie sagt „Ich bin die Königin von England“.

Anzeige

Beatrice Frey spricht diesen Satz, wie sie alle Sätze zuvor gesprochen hat: sehr ruhig, fast unhörbar leise, aber mit scharfem Sinn für Betonung und Pausen. Die Sprache dieser Königin wirkt wie eine Kunstsprache; als sei sie nur für sie erfunden worden. Wenn sie spricht, schweigen alle. Beatrice Frey ist eine Kunstfigur, Maria Stuart, ihre Widersacherin, gespielt von Sarah Franke, wirkt eher wie das Gegenteil: ein Naturtyp. Hier stehen nicht nur zwei Frauen, sondern auch zwei Prinzipien einander unversöhnlich gegenüber.

Regisseur Dušan David Parízek hat „Maria Stuart“, Friedrich Schillers Drama über zwei Königinnen (und auch über zwei Schauspielerinnen) sehr auf den Konflikt zugespitzt. Nur vier Schauspieler braucht er, um von den letzten Stunden der schottischen Königin zu erzählen, die in England Schutz gesucht hatte - und hingerichtet wird, weil sie, die Katholikin, eine Bedrohung für die Macht der protestantischen Königin Elisabeth darstellt. Es ist ein Schiller-Konzentrat, das das Schauspiel hier anbietet, oder auch eine Art „Reader’s Digest“ von „Maria Stuart“. Aber vielleicht ist das auch eine Möglichkeit, den Stoff für die gymnasiale Oberstufe aufzubereiten.

Zweieinhalb Stunden ohne Pause

Alle der etwa 15 Nebenfiguren sind hier auf zwei zusammengeschnurrt: Leicester (Markus John) und Mortimer (Henning Hartmann), die ein bisschen Text anderer Nebenfiguren mitsprechen müssen. In knapp zweieinhalb Stunden - ohne Pause - ist die Sache erzählt. Die Konzentration erfordert Zuspitzung, also betont Regisseur Parízek die politische Dimension des Dramas. Mit einer furiosen Redeschlacht zwischen Maria Stuart und Leicester beginnt die Inszenierung. Die Stuart steht vorn an der Rampe, Leicester spricht aus dem Zuschauerraum. Inhalt des Streitgesprächs ist die Rechtmäßigkeit des englischen Gerichtsverfahrens gegen die schottische Königin.

Parízek will, dass uns das Politische nahekommt, deshalb lässt er den Streit mitten im Zuschauerraum austragen. Markus John als Leicester quält sich dabei durch die gesamte fünfte Reihe, schüttelt den Herren nach Politikerart die Hände, umarmt die Damen und grüßt winkend Freunde in den hinteren Reihen. Fehlt nur noch, dass er Autogramme gibt. Der Mann muss schon einige Wahlkämpfe hinter sich gebracht haben.

Später führt Markus John auf der Bühne eine Art Twist auf - er steigt in seine Hose, ohne dabei seine Hände zur Hilfe zu nehmen. Das kann er auch gar nicht, weil er sich (im Kämmerchen mit Elisabeth) kurz zuvor die Fingernägel lackiert hat. Derartige Slapstickeinlagen gibt es viele, aber glücklicherweise dominieren sie das Spiel nicht. Und auch wenn Elisabeth ihr Erbrochenes in hohem Schwall auf die Bühne plätschern lässt, passt das ganz gut ins Konzept der Inszenierung, die im Bestreben, das Konzentrat des Stoffes zu liefern, Haltungen und Gefühle gern überdeutlich zeigt.

Der Regisseur nutzt den Raum geschickt

Im Zentrum stehen das Geschäft der Politik, der Machterhalt, die Angst, die Taktik, die Lüge. Markus John als Leicester ist dabei der alte, erfahrene Politiker, Henning Hartmann als Mortimer der junge, unerfahrene Idealist. Hartmann, der in der vergangenen Spielzeit in dem wunderbaren Dramaturgenmonolog „Die Römische Octavia“ als unterdrückter Geistesarbeiter im Theateralltag glänzte (und das Spiel auf einigen witzigen Youtube-Videos weiterführte), verleiht auch seinem Mortimer erheblichen zerquälten Dramaturgencharme. Markus John als Leicester ist von ganz anderem Holz geschnitzt: Er kennt sich aus im Politgeschäft, er ist charmant, bestimmt und voller Kraft, wenn’s eine neue Aufgabe (oder die Königin) zu stemmen gilt.

Sehr geschickt nutzt der Regisseur, der hier auch sein eigener Bühnenbildner ist, den Raum: Rechts und links auf den Seitenbühnen werden die Königinnen aufwendig geschminkt (eine Anspielung auf Ernst Hartwig Kantorowiczs berühmtes Buch „Die zwei Körper des Königs“), der Konflikt wird dann in einer gigantischen Holzkiste ausgetragen. Ein Eames-Sofa ist das einzige Möbelstück auf der Bühne, es ist eine Art Thron, der allein Elisabeth gebührt. Der Holzkasten wirkt zugleich edel und hinfällig: Zwischen den Latten klaffen Lücken, die die Hälfte der Zeilen der Texte, die vom Overheadprojektor gelegentlich auf die Wände geworfen werden, verschlucken. So wird noch einmal anschaulich gemacht, womit man es hier zu tun hat: einem Fragment.

Freibier? Nein, danke

Am Ende macht Maria Stuart Bekanntschaft mit dem Beil des Henkers. Leicester führt es ihr allerdings nicht an den Hals, sondern legt es in ihre Hand. Sarah Franke, die eine sehr sympathische, sehr natürliche, kaum intrigante Stuart gibt, zertrümmert damit einige Latten und schlägt sich einen Weg aus der Holzkiste. Das mag wie eine Befreiung aussehen, ist aber keine. Es ist nur (fast) das Ende des Spiels: Maria Stuart spielt keine Rolle mehr. Sie ist politisch tot.

Zuvor hat sie ihre Hinrichtung zu einem Fest verklären wollen: Kisten mit Freibier wurden herbeigekarrt, Flaschen an die Zuschauer verteilt. Viele Besucher aber weigerten sich, im Parkett Bier zu trinken. Und in den Jubel, den Maria Stuart forderte, stimmten auch nur wenige ein. Artikuliert sich so Politikverdrossenheit? Nein, es handelt sich wohl eher um Mitspielverdrossenheit.

Der Schlussapplaus war dann aber - abgesehen von einem kräftigen Buhruf für den Regisseur - recht freundlich.

Die nächsten Vorstellungen: 14., 20. und 28. Februar. Karten: (05 11) 99 99 11 11.

Kultur E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“ - Der Ballhof als Geisterbahn
Ronald Meyer-Arlt 08.02.2015
Kultur Große Gala in der Nacht zum Montag - Wer sahnt bei der 57. Grammy-Verleihung ab?
08.02.2015
Kultur Kunst in Sinsheim - Ausbruch mit Einbruch
Daniel Alexander Schacht 07.02.2015