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Kultur Premiere von "Trau keinem über 30!"
Nachrichten Kultur Premiere von "Trau keinem über 30!"
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11:09 24.03.2012
Von Ronald Meyer-Arlt
Meine Hüte: Probe bei den Wunderfräulein.
Meine Hüte: Probe bei den Wunderfräulein. Quelle: HAZ
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Hannover

O Gott, schon dreißig. Da tickt die biologische Uhr. Da heißt es, sich von der Kindheit zu verabschieden. Da wundert man sich: Oje, schon so alt. Wer den dreißigsten Geburtstag hinter sich hat - und vielleicht sogar noch ein paar weitere runde Geburtstage -, mag es merkwürdig finden, was für ein Gewese junge Leute um dieses Datum machen.

Aber wer gerade in der entsprechenden Lebensphase steckt, der findet es natürlich spannend, sich mit dem Älterwerden auseinanderzusetzen. Für diese Zuschauer bietet die "Fräulein Wunder AG" nun das passende Theatererlebnis. Der freien Theatergruppe aus der Hildesheimer Kulturmacherschmiede ist es in Hildesheim zu eng geworden - dort ist das Angebot an freiem Theater schlicht zu groß. Also spielt man in Hannover. In der alten Tankstelle in der Striehlstraße, dort, wo das freie Theater "Fenster zur Stadt" residiert, hatte jetzt die Performance "Trau keinem über 30!" Premiere. Drei Darsteller - alle sehr sympathisch, aber ohne Schauspielausbildung (jedenfalls ohne eine, die sicht- und hörbare Effekte hinterlassen hätte) - erzählen den Zuschauern, wie das ist, wenn man von der Jugend und von alten Idealen Abschied nimmt. Für alle Beteiligten mag das alles von erheblicher Wichtigkeit sein; betrachtet man die Sache jedoch mit etwas Abstand, ist das Ganze doch recht banal. Wen soll das eigentlich interessieren, ob da jemand "Projekte realisiert" und "sich selbst verwirklicht" hat? Haben sich eigentlich in jeder Generation die Dreißigjährigen selbst so wichtig genommen?

Das Besondere der "Fräulein Wunder AG" ist der Mitmachfaktor. Die Zuschauer werden zu Mitspielern, ob sie wollen oder nicht. Hier ist das Publikum Teil eines indianisch-schamanischen Rituals, bei dem man lernt, Dinge loszulassen. Zwischendurch müssen die Zuschauer Fragen beantworten wie: "Wer hatte schon mal Sex mit jemandem, der doppelt so alt war?" Auch politische Standpunkte werden abgefragt.

Und am Ende werden alle zum Tanzen aufgefordert. Hüpfend und zappelnd bewegen sich die Zuschauer ins Innere einer grob gezimmerten Geburtstagstorte, die gleichzeitig eine indianische Schwitzhütte sein soll. Hier wird das Ritual dann irgendwie beendet. Die Leute stehen unschlüssig herum und applaudieren.

Das ist zwar alles ziemlich peinlich. Dennoch blitzt hier auch etwas Schönes auf. Diese Form des radikalen Mitmachtheaters, die manchmal geradezu therapeutische Züge annimmt, ist jedenfalls auch eine Chance für das freie Theater. Immerhin beschert einem die "Fräulein Wunder AG" das eigenartige Erlebnis, Teil eines fremden Rituals zu sein.

Sonnaben und Sonntag jeweils um 20 Uhr in der Alten Tankstelle in der hannoverschen Striehlstraße. Am 3., 4. und 5. Mai im LOT-Theater Braunschweig, am 15. 16. und 17. Juni im Theaterhaus Hildesheim.

Stefan Arndt 23.03.2012
23.03.2012