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Kultur „Mach dich kalt!“
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22:03 03.01.2014
Demetrius (Daniel Nerlich, links) und Lysander (Jakob Benkhofer) streiten sich um Helena (Juliane Fisch). Quelle: Körner
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Hannover

Florian Fiedler hält es nicht auf seinem Platz. Eigentlich führt er von der Mitte des Zuschauerraums aus Regie, aber bald ist Premiere. Bis auf die große Bühne des Schauspielhauses Hannover sind es nur ein paar schnelle Schritte. Dort räumt er Stühle zur Seite und zeigt seinen Schauspielern, wo sie stehen und wie sie sich anfassen sollen. Körperlichkeit ist wichtig in dieser Szene aus Shakespeares „Sommernachtstraum“, die sie gerade proben. Das Verwirrspiel um Begehren, Lust und Liebe eskaliert gerade – untermalt von sich steigernden Schlagzeugrhythmen. Die vier Schauspieler stehen in der Kulisse eines alten Ballsaals, wo ihnen langsam, aber sicher alles um die Ohren fliegt. Über ihnen pendelt, einem Damoklesschwert gleich, ein Kronleuchter. Und an der Bar gibt es Sekt. Da sind Rausch und Sinnesverwirrung unumgänglich.

Gerade eben haben sich die Begehrlichkeiten verschoben: Nicht mehr Hermia, sondern ihre Freundin Helena steht im Zentrum der amourösen Aufmerksamkeit der Athener Lysander und Demetrius. Lässig lehnen sich die beiden mit Helena in ihrer Mitte an die Bar, als Hermia im Seidenkleidchen durch die Spiegeltür hereinkommt. Sie will ihren Verehrer zurück. Fiedler leitet an: „Jakob, sie versucht dich zu küssen und du machst dich ganz kalt!“, ruft er und „Super!“, als es funktioniert. Jakob Benkhofer als Lysander und Daniel Nerlich als Demetrius spielen die vom Zauber des Kobolds Puck verwirrten Liebhaber, die um das jeweils aktuelle Objekt der Begierde kämpfen – in dieser Szene beim Armdrücken. Schon seit September letzten Jahres beweisen die beiden in der „Tschick“-Inszenierung am Ballhof, dass sie ein gutes Team sind. Auch in der Probe zum „Sommernachtstraum“ zeigt sich, dass sie Spaß daran haben, miteinander auf der Bühne zu stehen. Aus der Freude am Spielerischen ergibt sich eine angenehme Uneitelkeit: Als Jakob Benkhöfer mehrmals Helena und Hermias Namen verwechselt, darf Daniel Nerlich über ihn lachen.

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Helena (Juliane Fisch) und Hermia (Julia Schmalbrock) geben derweil die ehemals besten Freudinnen im Streit. Als Hermia auf Helena losgeht, nimmt Demetrius sie in den Polizeigriff. „Geh ins Hohlkreuz, Brust und Bauch raus!“, weist der Regisseur Julia Schmalbrock an. Und er erklärt die Lage: „Das ist doch erbärmlich! Also, das Einzige, was sie dir voraus hat, ist ihre Körpergröße. Sag das so!“ Während Julia Schmalbrock sich abstrampelt, entwickeln Jakob Benkhofer und Juliane Fisch ein zärtliches Spiegelbild der Szene. Fiedler läuft immer wieder auf die Bühne, um die Schauspieler zueinander auszurichten. Wie viel räumliche Nähe ist gerade erlaubt? Der Regisseur muss Bilder für ein dichtes Beziehungsgeflecht finden. In seinem „Sommernachtstraum“ setzt er ganz traditionell auf die Sprengkraft der Vierecksgeschichte. Aber da ist noch mehr: In dieser Szene kommen Shakespeares schauspielernde Handwerker zwar nicht vor. Trotzdem wird deutlich, dass das Theater und das Schauspielen selbst Thema im Stück sind: Zettel mit Text liegen als Requisite verstreut über dem Boden und der Souffleur bekommt einen Szeneneinsatz. Der „Sommernachtstraum“ ist schließlich auch ein Stück über den Betrieb. So weit also das Spielerische.

Und der Text? Helena und Hermia liegen im „Zickenkrieg“, letztere bezeichnet ihre Kontrahentin zwischen zwei klassischen Blankversen auch mal als „erbärmliches Bumsbambi“. „Der Text erlaubt Aktualisierungen“, sagt der Regisseur später im Gespräch. In dieser Szene zumindest werden sie aber nicht inflationär gebraucht, weitestgehend vertraut Fiedler dem Shakespeare-Text in der Übersetzung von Frank Günther. Die „Zauberflöte des Theaters“ – so nennt Fiedler den „Sommernachtstraum“.  An der Geschichte um den Liebesreigen im Märchenwald zwischen Traum und Albtraum kommt schließlich kaum ein Theatergänger vorbei.

Warum den „Sommernachtstraum“ dann überhaupt noch aufführen? „Es geht darum, sich festlegen zu wollen und es irgendwie nicht zu können“, sagt der 36-jährige Regisseur. Das klingt ganz nach den von Soziologen diagnostizierten Symptomen seiner Generation: Vom chronischen Jein–Sagen ist da häufig die Rede oder vom Mangel an Verbindlichkeit. Aber bereits bei Shakespeare lassen sich ähnliche Tendenzen herauslesen: Vielleicht sind es weder Helena noch Hermia, die Lysander und Demetrius erobern wollen. Vielleicht ist einfach nur diejenige interessant, die der andere gerade will. Genau in diesem kruden Begehren liegt dann wohl auch die Aktualität des Stückes: „Leute lieben sich zu allen Zeiten und machen sich dabei kaputt“, meint Fiedler. In dieser Zeitlosigkeit sieht er auch Anknüpfungspunkte für die Schauspieler, mit denen er in Einzelgesprächen intensiv über ihre Figuren gesprochen hat.

Der „Sommernachtstraum“ im Winter ist also gut vorbereitet. Und der Regisseur denkt an alles: „Hermia hat sonst in der Szene sehr viel weniger an, aber ich kann sie ja auf der Probe nicht vier Stunden so spielen lassen, da wird sie nachher noch krank.“
Premiere: 18.Januar. Restkarten unter (05 11) 99 99 11 11.

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