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Kultur Proteste vor Frei.Wild-Konzert auf dem Expo-Gelände
Nachrichten Kultur Proteste vor Frei.Wild-Konzert auf dem Expo-Gelände
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00:39 29.04.2018
Frei.Wild spielen in der Tui-Arena. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover

 Die Szene an der Endhaltestelle Expo-Plaza ist skurill. Während am Donnerstagabend Tausende Frei.Wild-Fans zur Tui-Arena pilgern, verlässt zur selben Zeit ein Strom Geschäftsleute aus aller Welt das Messegelände. Die einen tragen T-Shirts mit Sätzen wie „Leckt uns am Arsch“, die anderen Anzug und Aktenkoffer. An den Seiten bilden jeweils eine kleine Gruppe Polizisten und Demonstranten in schwarzen Kapuzenpullovern ein Spalier. Obwohl eine Stunde vorm Konzert alles ruhig ist, liegt Spannung in der Luft.

„Im Internet gab es Drohungen gegen Teilnehmer des Protests“, sagt Bela Mittelstedt. Als Mitglied der Grünen Jugend hat er die Kundgebung mitangemeldet. 60 bis 80 Gegner der umstrittenen Deutschrocker aus Südtirol sind gekommen. Der Band wird eine Nähe zu politisch rechten Motiven vorgeworfen. Aus dem Pulk der Fans schallt den Demonstranten Unmut entgegen. „Hört euch mal die Texte richtig an“, ruft einer. Die Polizei bleibt locker. Hundertschaften sind nicht zu sehen. „Ein ganz normaler Einsatz“, sagt ein Beamter. Was eben so normal ist, wenn Frei.Wild in Hannover spielt.

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Los geht es kommentarlos mit dem Titelsong des aktuellen Albums. „Wir sind Rivalen, Rivalen und Rebellen“, singt das Publikum von der ersten Sekunde an mit. „Wir bringen alle, alle, alle um“, geht es weiter. Das muss man mögen. Doch auch der zweite Song hat eine Art hymnischen Faktor, der die eher belanglosen Rockriffs für die Fans der neuen deutschen Härte zum Ereignis macht. Vollgas-Rock nennen sie das. Technisch gesehen ist das wenig anspruchsvoll. Um Virtuosität geht es aber auch nicht. „Und wir klatschen mit“, heizt Philipp Burger die Menge an. In der ersten Reihe trägt ein Kerl ein Shirt mit der Aufschrift „Helene Fischer Ultras“.

Frei.Wild spielen in der Tui-Arena – vor der Halle gibt es Proteste.

Auf Wunsch der Band ist die Tui-Arena durch einen Teiler geschrumpft, rund 3500 Zuschauer sind da. Es handelt sich um ein Zusatzkonzert der aktuellen Tour, deshalb sei wohl der Andrang geringer, sagt ein Insider. An einer Bande haben Fans ein Banner aufgehängt. „Wir sind keine Nazis“, steht da. „Das ist klassisches Weißwaschen“, hat ein Demonstrant vor der Halle dazu gesagt.

Showtechnisch erinnern Frei.Wild an ein Tiroler Bergmassiv. Man steht halt so rum, meistens breitbeinig. Auf der Leinwand werden Totenköpfe eingeblendet. Bei den Hits recken die männlichen Fans die Fäuste in die Luft. Zur Ballade „Herz schlägt Herz“ leuchten die Feuerzeuge. 

Vor zwei Jahren war Frei.Wild zuletzt auf Tour. 2013, als die Band noch im Capitol auftrat, demonstrierten 300 Menschen gegen das Konzert. In den Jahren darauf füllte die Band größere Säle. Doch weder vor der Swiss-Life-Hall noch der Tui-Arena gab es Protest. Nun sind Frei.Wild zurück – und auch die Kritiker. Beim Konzert in Bremen demonstrierten 200 Menschen. In Leipzig verzichtete der Veranstalter im Vorfeld aufs Plakatieren. 

Nach drei Alben, die Frei.Wild zu einer der meistverkauftesten Gruppen im Lande machten, nahm die Band um Sänger Philipp Burger 2016 eine Auszeit. In dieser Zeit entstanden die Songs zum neuen Album „Rivalen und Rebellen“. Weder der Ausschluss vom Echo 2013 noch der Gewinn des Preises 2016 haben die martialische Rhetorik der Südtiroler abgeschwächt. „Wir bringen alle um“, „ Fick dich und verpiss dich“ oder „Antiwillkommen“ heißen drei neue Lieder. Die Titel sind Programm: dagegen sein. Durchhalteparolen und eine Denen-zeigen-wir-es-schon-noch-Attitüde bestimmen die Songs. 

„Wir haben uns seit unserer Bandgründung immer wieder gegen Rassisten, Nazis und andere Menschenhasser positioniert und werden das auch weiterhin tun“, sagte Burger vor einem Jahr in einem Facebook-Video. Seine Zeit als Sänger der rechtsradikalen Band Kaiserjäger bezeichnet er als „Jugendsünde“. Seine Texte sprechen aber oft eine andere Sprache.  „Rivalen und Rebellen“ ist aktuell Platz drei der Albumcharts – zwischen Revolverheld und Sasha.

Von Mario Moers

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