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Kultur Psychologe Wolfgang Bergmann attackiert Disziplinpädagogen
Nachrichten Kultur Psychologe Wolfgang Bergmann attackiert Disziplinpädagogen
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19:57 15.03.2009
Von Jutta Rinas
Erziehungswissenschaftler Wolfgang Bergmann Quelle: Martin Steiner

Trotzdem: Es war eines der am meisten diskutierten Sachbücher des Jahres 2008. Fast 400 000 Exemplare wurden bis jetzt verkauft.
Auch der Erfolg der 2009 veröffentlichten Fortsetzung „Tyrannen müssen nicht sein“ (100 000 verkaufte Bücher in einem Monat) belegt, dass Winterhoff einen Nerv getroffen hat. Der Mann ist – obwohl er das von sich weist – eine Art Supernanny für die gebildete Mittel- und Oberschicht. Nur, dass er nicht selbst ins Haus kommt, sondern per Erziehungsratgeber belehrt. Es ist die Frage, ob ihm so viele Menschen vertrauen, weil er Machtfragen und umgedrehte Autoritätsverhältnisse ins Zentrum seiner Überlegungen stellt. Oder ob sie bei ihm Hilfe suchen, obwohl er das tut.

Für den renommierten hannoverschen Kinderpsychologen Wolfgang Bergmann ist die Sache klar. Er wirft Winterhoff vor, alte, auf Strenge und blindem Gehorsam beruhende Rezepte wiederzubeleben. Der Psychiater ist für ihn der Vorreiter einer „kalten Disziplinpädagogik“, die „zunehmend unsere Erziehungslandschaft durchweht“. „Wie unsere Kinder keine Tyrannen werden“ hat Bergmann sein neues Buch ursprünglich sogar genannt – und damit einen unmissverständlichen Bezug zu den „Tyrannen“-Büchern hergestellt. Wegen der überdeutlichen und im Text teilweise sehr polemischen Anspielungen auf Winterhoffs Bücher gab es im Beltz-Verlag offenbar rechtliche Bedenken. Deshalb heißt das Buch jetzt „Warum unsere Kinder ein Glück sind“ (175 Seiten, 14,95 Euro) und ist eine gegenüber der Rohversion entschärfte und trotzdem noch flammende Streitschrift gegen den Zeitgeist. Bergmann wendet sich gegen eine „zunehmende Kinderfeindlichkeit in unserem Land“, eine neue autoritäre Erziehungskultur, die Kinder ihrer Lebensfreude und Kreativität beraubt – und zu verängstigten Befehlsempfängern macht.

Harsch kritisiert der Autor, der in seinem Institut in Hannover selbst erfolgreich praktisch arbeitet, Winterhoffs Analyse einer Welt, in der ichbezogene, unkonzentrierte und hyperaggressive Kinder angeblich fast schon die Regel sind. Winterhoffs zentrale These ist es, dass immer mehr Eltern ihre Kinder missbrauchen, indem sie sie als gleichberechtigte Partner neben sich stellen. Sie überforderten die Kleinen durch zu frühe, zu große Selbstbestimmungs- und Entscheidungsfreiräume – und beraubten sie dadurch der Chance auf eine Entwicklung, in der am Ende kein „Ich“, sondern ein „Wir“ steht. Der positiv besetzte Schlachtruf der Siebziger „Kinder an die Macht“ wendet sich Winterhoff zufolge gegen sie, weil die mit Macht ausgestatteten Kinder wichtige psychische Reifeprozesse verpassten. Das „dem Erwachsenen unterstellte Kind“ müsse zentrale Regeln des Zusammenlebens durch jahrelanges Üben und ein mit angemessenen Strafen abgestütztes Erziehungssystem lernen.

Bergmann kann zeigen, dass Winterhoff in seiner Analyse heutiger Erziehungsmethoden fahrlässig mit Fachbegriffen umgeht. Er weist dem Kollegen logische Brüche und große Unstimmigkeiten in seiner Theorie der „Psychenverschmelzung“ und in Wortungetümen wie „Nervenzelle Mensch“ nach. Er ist erschrocken über den kalten Klang heutiger erzieherischer Stimmen und setzt dem ein Erziehungsmodell entgegen, in dem nicht Machtverhältnisse (egal, ob nun Kind oder Eltern Herrscher sind), sondern ein richtig verstandener Begriff von Elternliebe bestimmend ist.

Liegt der Verkaufserfolg der „Tyrannen“-Bücher nun darin, dass es – wie Bergmann vermutet – in Deutschland offenbar eine „große Zahl von Menschen gibt, die auf Stichworte wie Kontrolle, Steuerung oder Disziplin bezogen auf Kinder anspringen“? Möglicherweise ist es Winterhoffs Erfolgsgeheimnis, dass er – mit unangenehm schulmeisterlichem Unterton, teilweise drastisch zugespitzt, aber eben auch ungeschönt – eine Wirklichkeit beschreibt, die das Leben von immer mehr Erziehungsberechtigten bestimmt.

Dramatisch nimmt die Zahl der Kinder zu, die nicht die alten deutschen Tugenden wie Disziplin, Pünktlichkeit und Höflichkeit vermissen lassen, sondern elementare Grundregeln des Zusammenlebens. Kinder, die nicht mehr zuhören können – oder sich im Dauerschreiton verständigen, damit sie nur ja hörbar sind. Kinder, die nie stillsitzen, nicht in der Schule, nicht zu Hause, nicht am Mittagstisch. Oder die sich aus dem Alltag wegträumen, in Phantasiewelten, in denen sie nicht mehr erreichbar sind. Eltern solcher Kinder springen nicht nur auf Stichworte wie Disziplin und Gehorsam an. Sie springen auf alles an, was Hilfe verspricht – und haben vermutlich nicht selten Bergmanns Bücher neben denen von Winterhoff im Regal stehen.

Teil des Problems ist möglicherweise aber auch das Expertentum der heutigen Mittel- und Oberschichtseltern. Sie wissen genau, welche Ernährung Kinder brauchen, welche Kleidung, welches Spielzeug, welche Schule, welche Weiterbildungskurse, welche Freunde. Eltern von heute wollen, dass ihre Kinder glücklich sind – und das möglichst nonstop und gemäß den elterlichen Vorstellungen und Wünschen. Jede kleine Traurigkeit oder Enttäuschung wird als Katastrophe erlebt. (Auch bei Bergmann ist immerzu davon die Rede, wie man Eltern- und Kinderglück durch Erziehung bewahrt.) Das führt im Extremfall dazu, dass Kinder, wenn das Einschlafen schwierig ist, Eltern stundenlang an die Nase fassen dürfen. Das Beispiel stammt von Winterhoff.

Vielleicht ist es aber gar nicht die Macht von Kindern, die Erziehung heute so schwierig gestaltet. Sondern ihre unmäßige, mit Hoffnungen und Erwartungen überfrachtete Bedeutung in den Familien.

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