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00:15 24.03.2014
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Hannover

Sammy Amara hat Spaß. Der Sänger der Band Broilers lacht, wischt sich Schweiß von der Stirn und zeigt ins Publikum. „Das ist der Held des Tages“, sagt er und zeigt auf einen Fan. Ein paar Anweisungen, dann, eins, zwei, drei, vier, geht er ab, der Punk. Und unten rennen, stolpern, hüpfen Hunderte durchnässte Fans im Kreis, rund um den Helden. Ein schönes, beliebtes Spektakel. Von der Tribüne sieht so ein Circle Pit dann aus wie ein kleiner Hurrikan – in dessen Auge der Held des Tages genießt.

Broilers, da denken heute wohl immer noch viele an einen verunglückten Plural des ostdeutschen Hähnchens. Amara gründete die Band zusammen mit dem Schlagzeuger Andi Brügge schon 1992 in Düsseldorf. Musik war das damals kaum, es war ein Versuch. Die Broilers sangen auf Deutsch, weil ihr Englisch damals einfach zu schlecht war, sagte Amara einmal sinngemäß. Und Broilers, das war damals einfach ein lustiger Bandname, der das „Oi“, Begriff für eine Punkrichtung, im Namen trug. Viele Hundert Konzerte später stieg ihr aktuelles Album „Noir“ im Februar auf Platz Eins der Deutschen Charts.

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Die Broilers sind längst aus dem Schatten der Toten Hosen getreten. Zu dem Konzert in der ausverkauften Swiss-Life-Hall kamen 5000 Fans und feierten den melodischen Punkrock der Düsseldorfer.

Mehr als 5000 Fans sind in die Swiss Life Hall in Hannover gekommen. Es fließt viel Bier an diesem Freitagabend, und viel Schweiß. Schon das Intro, die Punkhymne „If the Kids Are United“ von Sham 69, zeigt, um was es hier gehen soll. Auf das große weiße Tuch, das noch die Bühne verdeckt, ist ein Totenkopf projiziert – mit Hut. Die Broilers tragen ihre Überzeugung offensiv nach außen. Das mag man pathetisch nennen, aber das ist auch konsequent. Etwa bei „Ich will hier nicht sein“. Es ist inspiriert von den Attacken auf Flüchtlinge in Berlin Hellersdorf. Und von der Feindseligkeit gegenüber Menschen, die auf der Flucht sind – weil sie fremd sind, weil sie um Almosen betteln müssen, weil neben einer Flüchtlingsunterkunft die Häuser an Wert verlieren. Da komme ihm die Galle hoch, sagt Amara. Die Zuschauer jubeln und skandieren lange „Nazis raus!“. Die Broilers spielen viele Lieder vom neuen Album. „Ist da jemand?“ etwa, die erste Single, rockig und durchaus radiotauglich, aber auch ältere Stücke, die dann nicht alle der 5000 mitsingen können.

Der Name „Noir“ zeigt, was die Band heute sein will. Das Oi steht hier nicht zufällig mitten im Titel, auch wenn vieles dabei ist, was man gut als Rock bezeichnen kann. Und das Noir, das Schwarz, das Ästhetische, das hat die Band im kompletten Design von Album, Videos und auch Bühnenauftritt umgesetzt. Amara hat nach vielen Jahren sein Studium in Kommunikationsdesign abgeschlossen, arbeitet schon lange an den optischen Auftritten anderer Bands wie den Toten Hosen.

Ein berühmter Mann mit vielen Anhängern soll vor vielen Jahren gesagt haben: „Wenn zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, dann bin ich mitten unter ihnen.“ Das biblische Motto gilt auch und besonders für Punkbands. Viele spielen vor wenigen Zuschauern in kleinen Klubs, die Bühne oft auf einer Höhe mit den Fans. Viel Kontakt, keine Hierarchien – das ist, wenn auch ein wenig verkürzt, ein Motto des Punk.

Was aber, wenn sich nun deutlich mehr als zwei oder drei im Namen einer Band versammeln – kann das dann noch Punk sein? Oder muss der echte Punk hier rufen: „Das ist mir zu kommerziell!“ Die Kommerzfrage stellt sich, seit Malcolm McLaren 1976 in seiner Londoner Boutique die Sex Pistols erdacht hat. Bis heute sind sie für viele Helden, für manche Erfinder des Punk, für einige nur schnöde Kopisten der wahren Punks, der Ramones, der Stooges vielleicht.

Die Broilers stehen in Hannover natürlich auf einer erhöhten Bühne. Zwischen ihnen und den Fans ist ein Graben, in dem die Stagediver und Crowdsurfer entgegengenommen werden. Auf einer Höhe und ohne Zaun geht das nicht. Wenn man diesen Kompromiss will zwischen Kommerz und Punkmusik, dann muss man es so machen wie die Broilers.

Von Gerd Schild

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