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Kultur Quasthoff findet Klassikbranche zu oberflächlich.
Nachrichten Kultur Quasthoff findet Klassikbranche zu oberflächlich.
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22:54 02.03.2012
Von Stefan Arndt
Neue Gründe für den Rückzug: Thomas Quasthoff findet die Klassikbranche zu oberflächlich. Quelle: dpa
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Hannover

Einen Tag nachdem er das Ende seiner Karriere als Sänger verkündet hat, ist für Thomas Quasthoff wieder der Alltag eingekehrt: Am Donnerstag hat er in Berlin bereits wieder Schüler unterrichtet. Auch an geplanten Leseauftritten hält er fest: Am Wochenende stellt er seine 2006 erschienene Autobiografie in Kleinmachnow bei Potsdam vor.

Zur Begründung für seinen Rückzug äußerte Quasthoff unterdessen auch eine grundsätzliche Unzufriedenheit mit dem Musikgeschäft. Die Klassikbranche sei ihm zu oberflächlich geworden, sagte er dem österreichischem Magazin „News“. „Man hat den Eindruck, außer David Garrett gäbe es niemanden mehr“, sagte er. Vor allem aber verwies Quasthoff auf körperliche Beschwerden: Er sei nicht mehr so gesund wie vor zehn Jahren und des Reisens müde. „Auch mein Arzt hat mir empfohlen, mir mehr Zeit für mich zu nehmen“, sagte der Sänger.

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In der Musikwelt hatte Quasthoffs Rückzug Bestürzung, aber auch Verständnis ausgelöst. Die Wiener Philharmoniker, die am Abend in Hannover aufgetreten sind, bedauerten die Nachricht. Quasthoff sei „eine überragende Künstlerpersönlichkeit“, sagte Orchestervorstand Clemens Hellsberg, und seine Entscheidung sei ein Verlust für alle Musikfreunde. In Wien wird Quasthoff aber bald noch einmal im Konzert zu erleben sein: Im Juni übernimmt er die Partie des Sprechers in zwei Konzerten mit Schönbergs „Gurreliedern“.

Der Direktor der Wiener Staatsoper, Dominique Meyer, findet es „traurig, wenn man einen so großartigen Künstler für die Bühne und die Konzertsäle verliert“. Er habe aber großen Respekt vor diesem Schritt: „Nur ganz wenige Künstler können so entscheiden“, sagte er. Auch der Münchener Staatsopernintendant Nikolaus Bachler bedauerte den Rückzug des Baritons. „Dass ein so berührend wie klangschön gestaltender Sänger wie Thomas Quasthoff beschlossen hat, nicht mehr aufzutreten, ist ein großer Verlust“, sagte er. „Es ist zu hoffen, dass er sich in der Lage sieht, auf andere Art und Weise das weiterzugeben, was ihn als Künstler und Mensch auszeichnet.“

Johannes Bultmann, Intendant der Philharmonie Essen, zeigte sich  überrascht von der Entscheidung. „Ich kenne Thomas Quasthoff als einen Menschen, der so viel Energie hat – da hat wohl niemand mit einem Rücktritt zum jetzigen Zeitpunkt gerechnet.“ Der Mut, Konsequenzen zu ziehen, sobald die eigenen künstlerischen Ansprüche nicht mehr erfüllt werden könnten, sei bemerkenswert, findet Bultmann.

Bei Quasthoffs Plattenfirma Deutsche Grammophon seien derzeit keine neuen Projekte mit dem Künstler spruchreif, sagt ein Sprecher. Prinzipiell sei aber an eine weitere Zusammenarbeit „auf einem anderen Niveau“ gedacht. Beim Versandhändler Amazon sind derweil zwei ältere CD-Veröffentlichung des Sängers in die Liste der meistverkauften Alben aufgestiegen. Vor ihnen liegen zwei Platten von David Garrett.