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Kultur Quasthoff geht ohne Bitterkeit
Nachrichten Kultur Quasthoff geht ohne Bitterkeit
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09:56 17.01.2012
Von Stefan Arndt
Das Ende einer Weltkarriere: Thomas Quasthoff wird aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr singen. Quelle: dpa
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Hannover

 „Ich habe mich entschlossen, mich nach fast 40 Jahren aus dem Konzertleben zurückzuziehen, weil es mir meine Gesundheit nicht mehr erlaubt, dem Anspruch, den ich immer an mich selber und an die Kunst gestellt habe, gerecht werden zu können“, teilte Quasthoff mit. Er habe seinem Beruf sehr viel zu verdanken und gehe ohne Bitterkeit.

Obwohl es in den vergangenen Monaten manche Hinweise auf einen solchen Schritt gegeben hatte, kam die Entscheidung, die Quasthoff laut seiner Managerin am vergangenen Wochenende getroffen hat, auch für viele Veranstalter überraschend: Der Terminplan des Sängers war prall gefüllt, in Hannover waren zwei Auftritte in den kommenden Jahren fest vereinbart. Wegen einer Kehlkopfentzündung musste Quasthoff im vergangenen Jahr fast alle Auftritte absagen. Auf seiner Website hatte er aber noch vor wenigen Tagen verkündet, er sei wieder gesund und freue sich auf viele Konzerte im Jahr 2012. In der Vorschau waren auch wieder Jazzkonzerte verzeichnet, obwohl er noch im Herbst verkündet hatte, er werde künftig nur noch klassisches Repertoire singen.

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„Es gab zuletzt ein gewisses Hin und Her“, sagt Quasthoffs langjähriger Klavierbegleiter Justus Zeyen. „Die Absage der Jazzkonzerte war nur eine Zwischenstation.“ Während der Zeit seiner Stimmkrise, die laut Zeyen im vergangenen Frühjahr von den Klimaanlagen amerikanischer Hotels ausgelöst worden war, sei bei dem Sänger der Entschluss gereift aufzuhören: „So etwas überlegt man sich schließlich nicht in fünf Minuten.“ Dass der Zeitpunkt für Außenstehende aber doch überraschend wirkt, wundert den Pianisten nicht: „Thomas ist ganz sicher nicht der Typ, der drei Abschiedstourneen um die ganze Welt macht.“

Zumindest für Hannover hätte die Konzertveranstalterin Cornelia Schmid von Pro Musica sich aber genau das gewünscht: „Ich hatte gehofft, dass er sich hier noch offiziell verabschiedet“, sagte sie. Zuletzt war Quasthoff 2010 im Kuppelsaal mit einem Jazzprogramm zu hören gewesen. Ihr gegenüber habe der Sänger allerdings bereits vor einiger Zeit ein Karriereende angedeutet, sagte Schmid. „Ich dachte immer, dass er aufhört, wenn er fürchtet, seinen künstlerischen Ansprüchen nicht immer genügen zu können.“ Seine Entscheidung findet sie darum „konsequent“.

Folgerichtig erscheint Schmid auch, dass Quasthoff sich künftig verstärkt auf seine pädagogische Arbeit konzentrieren will. „Das hat er in den vergangenen Jahren wirklich zu seiner Herzensangelegenheit gemacht“, sagt sie. Quasthoff bleibt nicht nur Professor an der Hanns-Eisler-Hochschule in Berlin, er gibt auch weiterhin Meisterkurse und betreut den von ihm initiierten Wettbewerb „Das Lied“, der wieder im kommenden Jahr ausgetragen wird. Außerdem moderiert er eine eigene Gesprächsreihe im Berliner Konzerthaus. Und schließlich wird er gelegentlich auch noch auf der Bühne zu erleben sein – etwa als Sprecher in Arnold Schönbergs „Gurreliedern“.

So besinnt sich Quasthoff am Ende der Karriere auf den Anfang: Begonnen hatte er sein Berufsleben als Moderator beim NDR in Hannover. Dass ihm sein damaliger Chef freigab, um am ARD Musikwettbewerb teilzunehmen, bezeichnete Quasthoff einmal als Schlüsselmoment in seinem Leben. Weil die Musikhochschule dem gebürtigen Hildesheimer wegen seiner Behinderung ein Studium verwehrte, nahm Quasthoff Privatunterricht bei Charlotte Lehmann und Ernst Huber-Contwig. Der überraschende Sieg beim ARD Wettbewerb 1988 markierte den Beginn einer beispiellosen Karriere. Statt mit Laienorchestern in der niedersäch­sischen Provinz sang Quasthoff plötzlich bei den großen Klangkörpern der Welt. Furore machte er vor allem als Konzert- und Liedsänger, von 2003 bis 2006 war er auch als Minister in Beethovens „Fidelio“ und als Amfortas in „Parsifal“ von Richard Wagner zu erleben. Für seine Arbeit wurde er vielfach ausgezeichnet, unter anderem ist er mehrfacher Grammy-Preisträger.

Als ihm Ende des Jahres 2010 der Praetorius-Musikpreis des Landes Niedersachsen überreicht werden sollte, fehlte Quasthoff. Kurz zuvor war sein Bruder Michael gestorben, zu dem er ein enges Verhältnis hatte. Im gleichen Jahr starb auch seine Mutter, und seine Frau Claudia und er trennten sich nach dreieinhalb Ehejahren. Einen Zusammenhang zwischen diesen Schicksalsschlägen, der bald darauf einsetzenden Stimmkrise und dem am Mittwoch verkündeten Karriereende wollen Quasthoff-Vertraute aber nicht herstellen. Für Cornelia Schmid scheint sogar eher das Gegenteil der Fall zu sein. „Ich glaube nicht, dass das etwas mit seinem Entschluss zu tun hat, weil die Konzertkarriere sein Lebensinhalt war“, sagt die Veranstalterin.

Der Abschied von der Bühne bekommt bei Quasthoff so einen tragischen Beigeschmack. „Die Stimme“ hat der Sänger seine Autobiografie betitelt. Nun wird man sie nur noch sprechen hören.

Stefan Stosch 11.01.2012
11.01.2012