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Kultur Die Ästhetik der Katastrophe
Nachrichten Kultur Die Ästhetik der Katastrophe
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22:43 02.09.2013
Dampfkampf: Es raucht im Saal.
Dampfkampf: Es raucht im Saal. Quelle: Hoepffner
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Hannover

Mit majestätischer Ruhe breitet er sich im Raum aus, bis er an der Decke Wolken bildend einen eigenen Himmel erschaffen hat. Mit diesem ruhigen, betörend schönen Bild beginnt der Choreograf Rachid Ouramdane sein Stück „Sfumato“, das nun bei Tanztheater International als deutsche Erstaufführung im Schauspiel Hannover zu sehen war. Es ist die Ästhetik der Katastrophe: Was hat es auf sich mit den wie leblos unbewegten Körpern am Boden, die die Quelle des so wunderbar schwerelosen Stoffes zu sein scheinen? Sind es die verkohlten Leichen, die ein Waldbrand zurückgelassen hat? Die Opfer eines Massakers? Die Fragen werden nicht beantwortet. Kommentarlos fällt der Vorhang vor der Szene und bedeckt Rauch und Menschen mit seinem tiefen Schwarz.

Wenn er sich wieder hebt, gibt es Bewegung – so rasante, als wollte die einsame Tänzerin auf der Bühne schnell nachholen, was an Aktivität bisher versäumt wurde. Immer wilder dreht sie sich im Kreis, schüttelt die Haare. Ein Mikrofon an ihrem Arm verwandelt die Schleuderbewegungen in einen Orkan: eine Frau wie ein Wirbelsturm.

Tatsächlich ist das Stück des 1971 geborenen französischen Choreografen eine düstere Vision über Klimaflüchtlinge. Manchmal ist die Vision sogar schon Realität: Wenn die per Video eingeblendeten chinesischen Greise über Dürre, Überflutung und Zwangsumsiedlung berichten. Vor allem aber gibt es einen eher poetischen als dokumentarischen Text der Schriftstellerin Sonia Chiambretto, der dem Abend als eine Art Libretto zugrunde liegt und durch alle Klimazonen führt. Dem Wirbelsturm folgt so der Regen: endlose Ströme, die die ganze Bühne des Schauspiels unter Wasser setzen – inklusive des Konzertflügels, der (zum Glück nur halb geöffnet) in einer Ecke steht.

Die Musik von Jean-Baptiste Julien, die Deborah Lennie-Bisson dem gebeutelten Instrument eher abringt als entlockt, spielt eine zentrale Rolle an dem gut einstündigen Abend: Immer wieder gerät ihr energischer Rhythmus aus dem Tritt. Was eben noch als sicherer Viervierteltakt marschierte, stolpert plötzlich über eine neue Phrase, die scheinbar willkürlich gegen den bisherigen Musikfluss beginnt. Das Unvorhersehbare, das der Katastrophe eigen ist, wird hier zu Klang.

Manchmal ist die Musik aber auch nackt und schlicht. Wenn Ruben Sanchez etwa „Singin’ in the Rain“ singt. Im Hintergrund kämpfen die übrigen vier Tänzer mit den Fluten, fallen ins Wasser, raffen sich auf, um sich doch endlich wieder  am Boden zu wälzen. Sanchez begleitet seinen Gesang derweil mit einem Stepptanz. Wenn er einen gar nicht vorhandenen Hut schwenkt wie Fred Astaire, spenden einige Zuschauer Szenenapplaus – zu Recht angesichts der hochvirtuosen Darbietung. Und doch seltsam unpassend zu dem verstörenden Gesamtbild. Am Ende gibt es einhelligen Jubel im Haus. Schöner kann die Welt kaum untergehen.

Am Montag zeigt der schwedische Choreograf Kenneth Kvarnström bei Tanztheater International seine Arbeit „Come back (to me)“, um 20 Uhr in der Musikhochschule Hannover. Karten: (05 11) 16 84 12 22.

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