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Kultur Radiohead veröffentlichen neues Album nur im Internet
Nachrichten Kultur Radiohead veröffentlichen neues Album nur im Internet
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20:37 25.02.2011
Fünf Musiker für sieben Euro: Radiohead macht ein Angebot im Internet.
Fünf Musiker für sieben Euro: Radiohead macht ein Angebot im Internet. Quelle: EMI
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Radioheads nächster Streich: Die Band hat ihr achtes Album „The King of Limbs“ veröffentlicht – wieder ohne Beteiligung einer Plattenfirma, wieder gibt es die acht neuen Songs zunächst nur zum Herunterladen aus dem Internet. Vorbestellt werden kann auf der bandeigenen Homepage ­außerdem ein „Newspaper Album“, eine aufwendige Box mit CD, Vinyl und 625 „tiny Pieces of Artwork“, die im Mai versendet werden soll. In die Plattenläden kommt „The King of Limbs“ auch, jedoch erst Ende März.

Schon das Vorgängeralbum „In Rainbows“ hatte die Band aus Oxford im Oktober 2007 zuerst nur als Download angeboten. Damals konnten die Fans selbst entscheiden, wie viel sie dafür zahlen wollten. 1,2 Millionen Mal soll die Platte am Erscheinungstag heruntergeladen worden sein. Doch bezahlt haben nur die Wenigsten. Der englische „New Musical Express“ will wissen, dass durchschnittlich nur 2,90 englische Pfund gegeben wurden. 60 Prozent zahlten gar nichts. Was zu erwarten war und die Mentalität der MP3-Generation widerspiegelte.

Für „The King of Limbs“ hat die Band nun einen Preis festgesetzt. Sieben Euro – etwa halb so viel, wie eine CD-Neuerscheinung im Laden kostet. Zeigen muss sich, ob die 40 Prozent, die bei „In Rainbows“ bezahlt haben, auch diesmal dazu bereit sind. Viel hängt davon ab: Denn sollte sich das Geschäftsmodell lohnen, werden wohl andere etablierte Bands dem Beispiel folgen und als Direktvermarkter die Musikindustrie und den Einzelhandel leer ausgehen lassen.

Das Tempo der Veröffentlichung war spektakulär. Erst einen Tag, bevor die Band den Download freischaltete, hatte sie ihr neues Album per Newsletter angekündigt. Nach Erscheinen dauerte es nicht lange, da hatten Fans die zum Teil schwer verständlichen Texte der Songs dechiffriert und online gestellt. Auch eine Wegbeschreibung zum namengebenden „King of Limbs“, einer alten ­Eiche im Südwesten Englands, war schnell im Netz zu finden. Am langsamsten waren die Musikmagazine, die sonst frühzeitig von den PR-Bienen der Konzerne angestachelt werden, denn auch sie mussten sich das Album erst herunterladen, ehe sie erste Kommentare abgeben konnten.

Die Gruppe, die von ihren ersten sechs bei der EMI erschienenen Alben 25 Millionen verkauft haben soll, ist in der glücklichen Lage, den Musikkonzernen, ja, dem ganzen Musikbetrieb, die Grenzen aufzuzeigen. Radiohead ist finanziell unabhängig und hat eine Armee treuer Fans, die Gruppe braucht keine Plattenfirma mehr. Weder um Aufnahmen zu finanzieren noch für die Promotion. Nur um die CD-Version von „The King of Limbs“ in die Läden zu bringen, benutzt die Band dann doch einen Partner, ein Indie-Label. Radiohead agiert inzwischen in einem eigenen System.

Das gilt auch für die Musik. Wie gewohnt bietet die Avantgarde-Gruppe mit „The King of Limbs“ eine Alternative an. Das ist keine Überraschung. 1997 hatte die damalige Britpop-Formation auf „Ok Computer“ Pink Floyd und Punk zusammengeführt. Mit der Platte und den fast gitarrenfreien elektronischen Experimenten „Kid A“ (2000) und „Amnesiac“ (2001) ließ die Band den Sound, der sie berühmt gemacht hat, fallen. Zu erleben, wie sich Gitarrist Jonny Greenwood damals im Konzert immer wieder wegduckte oder wegdrehte, um an seinen Effektgeräten zu hantieren oder die Space-Orgel zu spielen, war für so manchen Fan gewöhnungsbedürftig.

Man kann heraushören, dass sich die Band diesmal von den düsteren elektronischen Beats des Londoner Musikers und Produzenten Burial inspirieren ließ. Man kann es Techno-Jazz nennen. Die Wärme erinnert an Portishead, die Kühle an Coltrane, die Minimal-Gitarre an The XX. Ein gigantisches Schildkrötenauge gleite an ihm vorbei, singt Yorke in dem polyrhythmischen „Bloom“, als hocke er am Meeresgrund. Der Beat hastet voran, Yorke hockt da, summt, heult, driftet durch Dunkelheit.

Ein trauriges Piano führt durch „Codex“. Yorke wieder im Wasser, niemand da, nur langweilige Libellen. „The Water is clear and innocent.“ Will er sich nur reinwaschen oder verabschieden von der Welt? Womöglich ist der Song eine Hommage auf Jeff Buckley, den 1997 ertrunkenen Schmerzenssänger. Buckley hatte Yorke bestärkt, wie der Leidensgenosse aufs Falsett zu setzen.

„The King of Limbs“ ist voller verwegener Ideen und Schönheit. Radiohead hat nicht nur ihr Geschäftsmodell weiter verfeinert, sondern auch das Zusammenspiel von klassischen Instrumenten – wozu hier auch die elektrische Gitarre zählt – und Maschinenmusik. Das Album endet kafkaesk. Die Band lässt in „Seperator“ das Wasser ab, die Gitarre swingt und grinst. Eigentlich gut für Thom in seinem Aquarium des Schmerzes und der Sehnsucht. Nicht aber, wenn man gerade ein Fisch ist.

Mathias Begalke

Uwe Janssen 25.02.2011
Johanna Di Blasi 25.02.2011