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Kultur Rafal Blechacz begeistert im Pro-Musica-Konzert
Nachrichten Kultur Rafal Blechacz begeistert im Pro-Musica-Konzert
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06:15 20.04.2012
Von Rainer Wagner
Rafał Blechacz bedankt sich.Steiner
Rafał Blechacz bedankt sich. Quelle: Steiner
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Hannover

Es ist ein Elend. Da kommt einer der an- und aufregendsten Pianisten der jüngeren Generation erstmals nach Hannover und muss vor einem halb vollen Saal spielen. Dabei ist Rafał Blechacz nicht irgendwer. Er hat mit Glanz und Gloria vor sieben Jahren den hochrenommierten Internationalen Chopinwettbewerb in Warschau gewonnen. Seine wenigen CDs haben viel Anerkennung gewonnen.

Aber er hat eben keinen Ring im Ohr und keinen Pferdeschwanz, er ist kein Sunnyboy, kein Strahlemann, sondern ein junger, ernsthafter – und ernst zu nehmender – Musiker.

Er strebt im Großen Sendesaal des Landesfunkhauses zielstrebig an den Steinway-Flügel, den er sich eigens (und auf eigene Kosten) aus Hamburg hat kommen lassen, weil er mit den Instrumenten vor Ort trotz ausgiebiger Hörproben dann doch nicht zufrieden war. Setzt sich und spielt. Am Ende jedes Stücks steht er schnell auf, als wolle er den Nichtkennern signalisieren, dass jetzt eine Zäsur kommt. Keine Showattitüde, kein Firlefanz, kein Getue. Nur Musik. Aber wie.

Der Beginn von Johann Sebastian Bachs Partita Nr. 3 kommt noch etwas gehetzt, aber vielleicht müssen sich Hörer und Spieler erst an den Klangraum gewöhnen: Der geöffnete Steinway tönt fast zu voluminös, dennoch entsteht aus den Tongirlanden der Fantasia eine rhetorische Phrase, die ihre Antwort findet. Die anschließende Allemande intoniert Blechacz wunderbar zart und setzt danach für die Courante klare Konturen. Blechaczs Bach mag Puristen irritieren, kompetent ist seine Deutung allemal.

Dass Seriosität und Spielfreude kein Gegensatz sein müssen, beweist anschließend Beethovens Sonate Nr. 7. Deren Kopfsatz intoniert Blechacz mit kontrollierter Impulsivität. Vom Aberwitz, mit dem einst Glenn Gould auf seiner legendären Einspielung durch dieses Presto tobte, ist Blechacz weit entfernt, aber Witz hat sein Spiel doch.

Das Largo e mesto ist danach ein einziges Klangwunder. Allein für diese Minuten hat sich der Besuch dieses Konzerts schon gelohnt. Traumverloren und doch traumsicher folgt Blechacz Beethovens Spuren durch das Zwischenreich zwischen Wehmut und Depression. Musik zum Atemanhalten! Vor der Komposition der folgenden Sätze scheint sich Beethoven allerdings etwas eingeworfen zu haben: Das Menuetto gibt sich vitalistisch, und das Schlussrondo strahlt in Blechacz’ Händen pure Zuversicht aus.   

Als Meister der Schattierung beweist sich dieser staunenswerte Pianist bei Claude Debussys „Suite bergamasque“. So raffiniert die Valeurs schillern, so klar umrissen sind diese Klangbilder. Wenn im dritten Satz „Clair de lune“ das Mondlicht schimmert, ist jede Kitschgefahr gebannt: Blechacz weiß, dass volles Mondlicht besonders scharfe Schatten wirft. Und das Passepied, dieser folkloristische Rundtanz, geht in die Beine.

Polnische Musik darf natürlich beim (neben Krystian Zimerman) populärsten polnischen Pianisten nicht fehlen, aber Chopin hebt sich der Chopin-Champion zu den Zugaben auf. Stattdessen hält Blechacz ein wohltönendes Plädoyer für Karol Szymanowski. Das ist durchaus nötig, weil Szymanowski bei uns noch immer ein Geheimtipp ist – trotz zweier stimmungsstarker Violinkonzerte, die selten zwar, aber doch immerhin mal gespielt werden. Die erste der drei Klaviersonaten ist ein frühes Werk, in dem der Komponist die traditionelle Formsprache expressionistisch auflädt. So zumindest musiziert  Blechacz das Werk: auftrumpfend zu Beginn, unsentimental, aber gefühlssicher im Adagio. Das Minetto ist subtil verspielt, und in der ambitionierten Fuge nimmt er das „Allegro energico“ beim Wort und treibt so dem Stück die Besserwisserei aus.

Für den reichen Beifall bedankt sich Blechacz dann mit Chopin – und nicht ganz überraschend mit zwei Mazurken, die erklärtermaßen ihm besonders am Herzen liegen. Vor allem die Vierte aus dem Opus 17 klingt nicht nur wegen der chromatischen Finessen erstaunlich modern und doch stilsicher.

Wenn sich dieser Abend herumspricht, sollte bei seinem nächsten Auftritt der Saal voll sein. In einem Jahr kommt er zurück: mit Beethovens 2. Klavierkonzert und dem Tonhalle Orchester Zürich. Ein Pflichttermin für Pianofreunde.

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