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Kultur Rainald Goetz mit Büchner-Preis geehrt
Nachrichten Kultur Rainald Goetz mit Büchner-Preis geehrt
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19:32 31.10.2015
Goetz erhielt den Georg-Büchner-Preis für sein Lebenswerk Quelle: dpa
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Darmstadt

FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube bescheinigte Goetz in seiner Laudatio, sein Werk "enthält eine Polemik gegen Illusion und Fiktion". Alle seine Stoffe würden dem tatsächlichen Leben des Autors entnommen. "Eine zeitlang schien Goetz ohnehin alles zu einem Tagebucheintrag zu werden", sagte Kaube. Goetz erwiderte in seiner Dankesrede, der Georg-Büchner-Preis stehe für ihn im Spannungsfeld zwischen der Jugend seines Namensgebers und der ehrwürdigen Akademie, die ihn vergebe. Diese Akademie sei jedoch eine "geniale institutionelle Provokation". Sie "vergesellschaftet das individuelle Schreiben" von Autoren, die mit fortschreitendem Alter zu "kaputten Ich-Spezialisten würden", sagte Goetz.

Deshalb sei er froh, dass die Akademie immer wieder auch junge Schriftsteller ehre. Skeptisch äußerte sich Goetz über politische Literatur. "Natürlich stellt sich Literatur der Welt - aber langsam", sagte Goetz. Damit werde sie Teil der gesellschaftlichen Debatte. Die Reflexion des Aktuellen gehöre jedoch in den Journalismus. Goetz wurde in München geboren und wuchs dort auf.

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Nach dem Abitur studierte er dort sowie in Paris Geschichte, Theaterwissenschaft und Medizin. Sowohl in Geschichte als auch in Medizin erwarb Goetz einen Doktortitel. Ein in den 1990er Jahren in Berlin begonnenes Soziologiestudium brach er ab. Seit 1976 schrieb Goetz für die Süddeutsche Zeitung vorwiegend Rezensionen, 1978 erschien seine erste Veröffentlichung in der Literaturzeitschrift "Kursbuch", 1983 sein erster Roman "Irre".

Schlagartig berühmt wurde Goetz 1983 durch seinen Auftritt beim Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt, als er sich vor laufenden Kameras die Stirn mit einer Rasierklinge ritzte und seine Lesung blutüberströmt beendete. Bei der Preisverleihung ging er leer aus, erhielt aber im selben Jahr den Kranichsteiner Literaturpreis und zahlreiche weitere Auszeichnungen, darunter den Heinrich-Böll-Preis (1991) und gleich dreimal den Mülheimer Dramatikerpreis.

Der Georg-Büchner-Preis wurde erstmals 1923 vergeben, zunächst nur an Künstler, die aus der hessischen Heimat des Dichters und Sozialrevolutionärs Georg Büchner (1813-1837) stammten oder ihr verbunden waren. In der Nazi-Zeit wurde der Preis nicht verliehen und 1951 in einen allgemeinen Literaturpreis umgewandelt. Preisträger waren unter anderen Carl Zuckmayer (1929), Anna Seghers (1947), Max Frisch (1958), Günter Grass (1965), Peter Handke (1973), Erich Fried (1987), Sarah Kirsch (1996), Wilhelm Genazino (2004) und zuletzt Jürgen Becker (2014).

Außerdem wurden am Samstag in Darmstadt der Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg (75) mit dem Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa und die Journalistin und Schriftstellerin Gabriele Goettle (69) mit dem Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay ausgezeichnet. Ihre Arbeiten wurden von dem Sprachwissenschaftler Manfred Bierwisch und dem Journalisten Otto Köhler gewürdigt. Beide Preise sind mit je 20.000 Euro dotiert. Der Merck-Preis und der Freud-Preis werden seit 1964 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung verliehen. Die Auszeichnungen werden von dem Pharma- und Chemieunternehmen Merck beziehungsweise der HSE-Stiftung in Darmstadt finanziert.

Zu den Freud-Preisträgern gehören unter anderen Hannah Arendt (1967), Werner Heisenberg (1970), Carl Friedrich von Weizsäcker (1988) und zuletzt Jürgen Osterhammel (2014). Den Merck-Preis erhielten unter anderen Joachim Kaiser (1970), Sebastian Haffner (1980), Silvia Bovenschen (2000), Karl-Markus Gauß (2010) und zuletzt Carolin Emcke (2014).

Für Aufsehen hatte zu Beginn Akademie-Präsident Heinrich Detering gesorgt. In seiner Begrüßungsansprache distanzierte er sich von der "polemischen Sprache" in der vorab eingereichten Rede des Goettle-Laudators Otto Köhler, der anschließend die "Obszönität der Vereinigung der beiden deutschen Staaten" vor 25 Jahren geißelte. Köhler kritisierte ferner den "aktuell wieder offen ausgebrochenen Faschismus in Dresden", die Macht der Großkonzerne und die Gesetzesvorschläge zur Sterbehilfe, die er als "Euthanasie" brandmarkte. Die erkrankte Merck-Preisträgerin Gabriele Goettler erklärte in ihrer von Dietrich Eichmann verlesenen Dankesrede, sie nehme kein Geld von der Pharmaindustrie, sondern reiche es an die pharmakritische "Buko-Kampagne" weiter.

epd

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