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Kultur Autor Ralf Rothmann im Literaturhaus
Nachrichten Kultur Autor Ralf Rothmann im Literaturhaus
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02:17 28.05.2018
Der Autor Ralf Rothmann ist zu Gast im Literaturhaus. Quelle: Philipp Von Ditfurth
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Hannover

Ralf Rothmann beschwört das Unkalkulierbare. Bei der Vorstellung seines Anfang des Monats bei Suhrkamp erschienenen Romans „Der Gott jenes Sommers“ im Literaturhaus lässt er keinen Zweifel daran, wie wesentlich Zufall, Intuition oder Fügung für seine kreativen Prozesse sind. So beruhe auch der Bruch mit dem öffentlichen Vorsatz, keine Geschichten mehr über den Nationalsozialismus zu erzählen, auf einer unerwarteten Begegnung. Eine 84-jährige Leserin sei nach einer Veranstaltung in Kiel auf ihn zugekommen und habe ihm von seinem Vater erzählt, sagt Rothmann. Sie sei zwölf Jahre alt gewesen und mit ihren Eltern im letzten Kriegsjahr aus dem bombardierten Kiel auf jenes Landgut geflohen, für das Rothmanns Vater als Melker arbeitete.

„Da war ein Funkeln in ihren Augen“, erzählt Rothmann. Und fügt hinzu: „Mir wurde klar, dass diese Frau einmal in meinen Vater verliebt war.“ Spontan habe er beschlossen, aus ihrer Perspektive literarisch auf den Vater zu schauen. Er ließ sich alte Fotos vom Landgut zeigen und recherchierte, dass es einem SS-Offizier gehörte und als kriegswichtig galt. Also schrieb er doch wieder über den Nationalsozialismus, nur eben diesmal aus den Augen einer Zwölfjährigen. Rothmann schont seine junge Erzählerin nicht. Er lässt sie Verunsicherung und Angst erleben, Gewalt und den Verlust der Zivilisation.

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Rothmann ist stolz auf eine ungewöhnliche Struktur, die er im Schreiben entwickelt hat: Die Geschichte verschränkt sich jeweils nach etwa 40 Seiten mit einer parallelen Erzählung, die zunächst nur den Krieg als Hintergrund mit ihr gemein zu haben scheint: Rothmann behauptet eine Chronik des historischen Ochsenwegs durch Schleswig-Holstein, geschrieben zur Zeit des Dreißigjährigen Kriegs. Deren Sprache ist satt und humorvoll. Erst am Ende des Romans zeichnen sich inhaltliche Berührungen zwischen den beiden unvermittelt verflochtenen Erzählsträngen ab.

„Ich brauchte einen Kontrapunkt, etwas Malerisches im ansonsten fotografisch genauen Tonfall“, erklärt Rothmann seinen Impuls, über den Alltag von Menschen zur Zeit eines lange zurückliegenden Krieges zu schreiben. Die Sprache jener Zeit sei ihm ohne Anstrengung gelungen: „Das war fast mystisch.“ Ein barockes Lebensgefühl erscheine ihm aber generell wieder aktuell, so Rothmann, ein Gefühl der Bedrohung treffe auf große Lebenslust. All dies habe er aber erst nachträglich rationalisiert: „Für mich vereinen sich beim Schreiben Handwerk und Transzendenz.“ Moderator Joachim Dicks belässt es schließlich bei dieser eher mystischen Selbstbeschreibung des Autors. Er beschließt nach wenigen Augenblicken, das Publikum habe dazu wohl keine Fragen.

Am Mittwoch, 6. Juni, um 19.30 liest Georg Klein im Literaturhaus aus seinem neuen Roman „Miakro“.

Von Thomas Kaestle