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Kultur Völkerball bietet spektakuläre Pyro-Show im Capitol
Nachrichten Kultur Völkerball bietet spektakuläre Pyro-Show im Capitol
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00:15 12.12.2017
Völkerball im Capitol
Völkerball im Capitol Quelle: Nancy Heusel
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Hannover

 Schon beim dritten Song das Auftritts der Rammstein-Coverband Völkerball wird es warm auf dem Balkon des Capitol. Feuerbälle steigen von der Bühne in Richtung Decke, der Raum heizt sich von oben herab auf, die ersten Menschen ziehen ihre Rammstein-Hoodies aus. 

Die Band Völkerball ist einerseits ein Rätsel, und andererseits ein Phänomen. Ein Phänomen, weil sie mit ihrer nachgebauten Rammstein-Show Jahr für Jahr das Capitol – sowie Locations in anderen Städten – gleich an zwei Abenden hintereinander ausverkauft. Ein Rätsel, weil man sich wirklich fragen muss, warum. 

Die Band Völkerball ist ein Phänomen: Mit ihrer nachgebauten Rammstein-Show füllt die Coverband Jahr für Jahr das Capitol – und zwar gleich an zwei Abenden hintereinander. Dabei wandelt die Gruppe auf dem schmalen Grat zwischen Pathos und Parodie.

Nicht, dass Songs schlecht gecovert wären. Völkerball entwickeln durchaus eine Wucht, während sie die größten Hits von Rammstein wie „Engel“, „Du hast“ oder „Hier kommt die Sonne“ in ihrer gut zweistündigen Show runterdaddeln. Der Frontmann René Anlauff bemüht sich, seinen inneren Till Lindemann in Habitus und Stimme zu channeln, und auch, wenn ihm das nicht immer ganz genau gelingt, reicht es doch. Die Pyro-Show hat Feuerbälle und Funkenregen und hier und da Flammen, die aus der Bühne lecken. Die Bühnenaufbauten sehen zwar qualitativ ein wenig aus wie die Sperrholz-Versuche eine sehr begabten Kindes mit einem Faible für 50er-Jahre-Trash-Horrorfilme, aber sie sind da, und es gibt sogar einen kleinen Fahrstuhl, auf dem die beiden Gitrarristen und und später auch Anlauff selbst hoch-und runterfahren. Vor allem der Keyboarder Andreas Shanowski bemüht sich redlich um Show. Einmal wird er von Anlauff mit einem Messer-Mikro über die Bühne gejagt, einmal darf er sich, von Funkenregen übergossen, in einer Badewanne in Glitzerjackett anziehen, einmal hat er ein knallschwarzes Gummiboot und crowdsurft damit durch das Publikum. 

Dennoch bleibt bei Völkerball immer ein kleiner Rest Billigkeit, Trashigkeit. Denn selbstverständlich ist ihre Show im Gegensatz zu den legendären Pyro-, Bühnenbild- und Technik-Orgien, die die Vorbilder abfackeln, nur ein müdes Lächeln wert. Allerdings ist genau das der Punkt, an dem Völkerball auch interessant wird. Die Band baut zwar Rammstein-Shows nach – aber eben mit Mitteln aus dem Baumarkt. Dadurch aber, dass die Band ihre DIY-Show so ernsthaft durchzieht wie das Original, ergibt sich eine Fallhöhe, die nie ganz aufgelöst wird. Ist Völkerball eine Witz? Eine Hommage? Soll hier der Kindergarten-Pathos vom Rammstein dadurch entblößt werden, dass er ohne das Flitterwerk seiner Riesenshow bestehen muss? Oder ist das alles nur gewollt und nicht gekonnt? Ist das Ironie oder Ernst? Völkerball klärt diese Fragen nie eindeutig, gerät nicht in Versuchung, die Fallhöhe auszureizen.

Die Band spielt, in einem Raum, der immer heißer wird, einfach nur Rammstein-Songs und wandelt elegant auf dem schmalen Grat zwischen Pathos und Parodie.

Von Jan Fischer

08.12.2017
08.12.2017