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00:15 08.08.2013
Mit eigenem Zugang zu Gilgamesch: Raoul Schrott im Kloster Loccum. Quelle: Insa Cathérine Hagemann
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„Als ich das mit der Eintagsfliege las“, sagt Raoul Schrott, „da wusste ich: Dieses Epos muss ich übersetzen.“ Tatsächlich zeugt der in der Schrift enthaltene Vergleich von Mensch und Eintagsfliege besonders von der Bildmacht und Sprachgewalt eines im Wortsinne beispiellosen Textes. Das Gilgamesch-Epos gilt schließlich als älteste schriftliche Überlieferung der Menschheit.

Raoul Schrott, Dada-Poet und Romancier, Übersetzer, Literatur- und Sprachforscher, lässt das Publikum des Klosters Loccum an diesem Abend gleich zu Anfang die Wucht der alten Worte spüren - indem er einige Sätze auf Akkadisch vorträgt, in jener ausgestorbenen Sprache, die mit ihren Kehl- und Zischlauten als eine Vorform des Arabischen gilt. „Er hat den Abgrund gesehen, den Grund aller Dinge“, fasst Schrott die ersten Verse des Epos zusammen, „ans Ende der Welt ist er gegangen - und als er abgeschlagen und müde von weit her zurückkehrte, meißelte er seine ganze Mühsal in einen Stein.“

Die Rede ist vom Gottkönig Gilgamesch, und dieser Anfang des Epos findet sich auf den 1843 in Ninive im heutigen Irak entdeckten Schrifttafeln. Die Keilschrift stammt aus dem zweiten vorchristlichen Jahrtausend. Sie erzählt von Personen und Ereignissen, die 5000 Jahre her sein sollen. Und ihre Wiederentdeckung hat im 19. Jahrhundert heftige Debatten um das Selbstverständnis des christlichen Abendlandes ausgelöst. Denn wie Adam soll Gilgameschs Widerpart Enkidu von höheren Mächten aus Lehm geformt sein. Auch taucht die Göttin Ishtar auf, deren Tugenden sich teils später bei der Jungfrau Maria wiederfinden. Und die Sintflut wird hier ebenfalls geschildert, den Bau der Arche und die Landung auf dem höchsten Berg eingeschlossen. „Die Übersetzung dieser Schrift ist einer der wichtigsten Sargnägel für die urchristliche Vorstellung vom Alten Testament als Wort Gottes“, sagt Schrott. „Viele Motive finden sich eben schon im Jahrhunderte früher niedergeschriebenen Gilgamesch-Epos.“

Aber nicht dies allein begeistert den 1964 in Landeck in Tirol geborenen Österreicher an dem Epos. Dessen Überlieferung in der Ninive-Keilschrift ist nur eine von mehreren Versionen des Gilgamesch-Mythos, wenn auch eine besonders differenzierte. „Man denke nur an die darin enthaltenen Gedanken des Erzählers über das Schreiben, über die in Stein gemeißelte Mühsal“, sagt Schrott. „Da ist ein teils geradezu postmodern anmutendes Reflexionsniveau anzutreffen.“ Außerdem zeigt sich Raoul Schrott davon fasziniert, dass im ersten Stück Literatur der Weltgeschichte auch gleich die Spannung von Stadt und Land, von Natur und Kultur ausgelotet wird. Der eine Pol wird dabei personifiziert in dem Tiermenschen Enkidu, der später zum geliebten Freund Gilgameschs wird, der andere eben in Gilgamesch, dem Herrscher der prächtigen Stadt Uruk. Die ist keineswegs nur Legende: Die Überreste Uruks wurden 1912 rund 400 Kilometer südlich von Bagdad entdeckt. Eine Ausstellung des Berliner Pergamonmuseums („Uruk - 5000 Jahre Megacity“), die noch bis zum 5. September läuft, steht offenbar im Schatten der neuen Ägypten-Begeisterung aus Anlass des gleichfalls hundertsten Jahrestages der Ausgrabung der Nofretete-Büste - obwohl die rund anderthalb Jahrtausende jünger ist.

Den Reichtum dieser wohl frühesten schriftlichen Überlieferung bringt Schrott seinen Zuhörern mit der Lesung aus seiner Version von „Gilgamesch“ nahe, die in vielen Passagen sehr gegenwärtig anmutet und deshalb nicht unumstritten ist. Er psychologisiere zu sehr, hieß es bei Erscheinen seines Buches 2001, das mindere die archaische Wucht des Textes. Schrott wendet - gegen solche Einwände - seinerseits ein, dass er auf diese Weise die ursprünglich sehr schematische Figurenzeichnung überwinde. Denn er wolle wieder spüren lassen, welche Bedeutung der Gilgamesch-Mythos über mehr als ein Jahrtausend in Mesopotamien hatte: „Es war der große Identifikationstext für Intellektuelle im Zweistromland.“ Dazu gehöre eben, diese Zeit wieder lebendig zu machen, unter anderem auch, indem man den historischen Kontext, der damals vorausgesetzt werden konnte, für Menschen von heute genauer ausleuchtet.

Ein allzu verwegener Anspruch? Jeder Übersetzer weiß, dass er zugleich Interpret ist, und das umso mehr, je weiter die Welt des Ursprungstexts räumlich und zeitlich entfernt liegt. „Jeder erzählt auf seine eigene Weise“, sagt Schrott, „jeder hat seinen eigenen Zugang zu einem Werk.“ Wie war das doch mit der Eintagsfliege? „Nur allzubald trägt der Tod die Menschen in der Blüte ihrer Jahre davon“, sagt Utnapišti, der im Gilgamesch-Epos das Pendant Noahs ist. „Trotzdem gründen wir weiter einen Hausstand, trotzdem ist der Fluss weiter gestiegen und hat uns überflutet wie die Eintagsfliege, die im Wasser treibt, ihr Gesicht starrt auf das Antlitz der Sonne, und dann ist da auf einmal nichts mehr!“

Für Raoul Schrott sind solche Sätze der Beweis, dass dieses Epos auch den Existenzialismus schon vorweggenommen hat. Sozusagen nebenbei.

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