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Kultur Rapper K.I.Z. provozieren im Capitol
Nachrichten Kultur Rapper K.I.Z. provozieren im Capitol
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13:59 19.11.2015
K.I.Z. im Capitol Quelle: Insa Cathérine Hagemann
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Hannover

Auf der Bühne ein DJ-Pult, das wie ein Flak-Geschütz aussieht. Links und rechts davon je zwei riesenhafte, erdfarbene Statuen, Militärdiktatoren nachempfunden, die Hände hinter dem Rücken, der Blick nach vorn, das Barett auf dem Kopf. Die Figuren tragen die Gesichtszüge der Bandmitglieder, die so gerne mit der Provokation spielen: K.I.Z. Textzeilenbeispiel? „Ich bin Adolf Hitler / Wenn ich mit dem Finger schnippse / stehst du plus zwei auf Schindlers Liste“.

Kannibalen in Zivil, Klosterschüler im Zölibat - bei der Bedeutung des Namens K.I.Z. variiert die Band gerne mal. Vielleicht ist es auch eine Abwandlung von „Kids“, dem 1995er-Jugendkulturfilm von Larry Clark, den die Band gerne zitiert. Das Stilmittel der Berliner Rapper ist die Provokation. Der Auftritt im Capitol ist eine Blut-, Schweiß- und Sperma-Show. Welche ihrer Zeilen nun Persiflage sind, welche erst gemeinte Parole, das lässt sich bei K.I.Z. nicht leicht ausmachen. Manchen Beobachtern gelten die vier Berliner als sexistische Prolls, andere sehen in ihnen geniale Retter des deutschen Hip-Hops. Die Fans skandieren immer wieder „Hurensöhne“, und feiern so die Band auf ihre Art.

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Kapitalismus ist zauberhaft, das ist eine andere Bedeutung des Kürzels. Das neue, fünfte Album der Band heißt „Hurra, die Welt geht unter“. Es ist kein Szenario des Schreckens, sondern der Hoffnung. Die Apokalypse heute wäre für die Berliner das Ende von Nationalismus und ausbeuterischer Wirtschaftsordnung - und damit erstrebenswert.

Dieser Gedanke geht im Krawall und Remmidemmi im Capitol ein wenig unter. „Geld“ schickt seine tief wabernden Beats bis auf den Oberrang des Capitols. „Hannover, vielen Dank für euer schönes Geld!“ Die Truppe macht sich lustig, dass die Zuschauer 30 Euro für den Eintritt bezahlt haben - dann regnet es Spielgeld.

K.I.Z. vermischt gut gemachte Tracks und eingängige Melodien mit absurd überhöhten Texten, die mal sexistisch, mal brutal, mal infantil sind, aber immer laut und schrill, immer feste druff. Und immer erfolgreicher. Was vor zehn Jahren als kleines Projekt begann, wechselt gerade in die großen Hallen: Im März kommen die Berliner für eine Zusatzshow nach Hannover. Die Nachfrage ist schon jetzt so groß, dass das Konzert in die größere Swiss Life Hall am Stadion verlegt wird.

Dieses Mal also noch im lange ausverkauften Capitol. Die knapp 2000 Fans singen, rufen, schreien alles mit, was das Quartett da auf die Bühne bringt. In „Was würde Manny Marc tun?“ zeigt K.I.Z. ihren traurigen Blick auf die Generation Y: Manche wurden als Kind missbraucht, müssen den dementen Vater pflegen oder das behinderte Kind, oder sind aus dem Krieg geflohen. Gegen diesen Alltag gibt es keinen Ausweg - außer: Feierei. Höhepunkt des Abends ist „Ein Affe und ein Pferd“, ein absurdes, gewalttätiges Satire-Stück zur Pippi-Langstrumpf-Melodie. Die Fans schwenken Schals mit dem Slogan „Taka-Tuka-Ultras“.

Auch am Tag nach der Terrorwarnung in Hannover denkt die Band nicht daran, auf die übliche Gewaltrhetorik zu verzichten. Fans schwenken Fahnen mit Bildern von erigierten Penissen und Maschinenpistolen. Zum Konzertbeginn läuft auf weißer Leinwand ein Film, vorgeblich aus dem Backstagebereich. Ganz lapidar zeigt die Band da, wie ein Kollege eine Waffe auf den anderen richtet, und dieser von Kunstblut überströmt zusammensackt. Beim Konzert gibt es dann immer wieder Revolverschüsse und Maschinengewehrsalven aus der Konserve. Das muss man nicht mögen. Man kann das generell doof finden, nicht nur in diesen Tagen.

Diese Band war am Donnerstag geschmacklos, sie ist es heute, und sie wird es morgen sein. K.I.Z. macht das aber einfach, ohne die Freiheit von Kunst und Leben besonders zu betonen. Und das kann man auch ganz erfrischend finden.

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