Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur „Ich habe Tausende Bilder in Arbeit“
Nachrichten Kultur „Ich habe Tausende Bilder in Arbeit“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:27 03.11.2014
Foto: Monika Tatzkow ist eine Berliner Historikerin und Raubkunstepertin. Sie war an der weltweit ersten Rückgabe nach der Washingtoner Erklärung zur Kunstrestitution beteiligt.
Monika Tatzkow ist eine Berliner Historikerin und Raubkunstepertin. Sie war an der weltweit ersten Rückgabe nach der Washingtoner Erklärung zur Kunstrestitution beteiligt. Quelle: Jan-Peter Böning
Anzeige
München

Am 3. November jährt sich die Enthüllung des Gurlitt-Schatzes durch das Nachrichtenmagazin „Focus“. Was hat der Fall bewegt?
Das Interesse der Öffentlichkeit war zunächst sehr groß. Es ist aber erstaunlich wenig passiert. Der Fund ist nach wie vor topsecret. Zwar wurden Werke bei der Datenbank Lostart eingestellt, aber es ist vollkommen unbekannt, auf welcher Grundlage. Unbekannt ist auch, was nicht eingestellt wurde. Das größte Problem jedoch bleibt, dass die ebenfalls aufgetauchten Geschäftsunterlagen von Hildebrand Gurlitt der Forschung nicht zugänglich gemacht werden. Das ist eine wirkliche Katastrophe. Sie würden viele Dinge erhellen, auch in Bezug auf Verkäufe in der Zeit von 1945 bis 2013. Es gibt so viele offene Fragen, die sich beantworten ließen, wenn man die Unterlagen sehen dürfte. Ob das von Kulturstaatsministerin Grütters neu installierte Zentrum hier Abhilfe schaffen kann, wird man sehen.

Immerhin erforscht eine vom Bund bestellte „Taskforce“ die Bilder und Unterlagen. Welchen Eindruck haben Sie von der Forschergruppe?Es ist bislang eine „Geheimorganisation“. Keiner weiß so recht, was sie eigentlich macht. Jedes zweite Wort ist Transparenz, aber Auskünfte werden nicht erteilt. Meines Wissens wurden auch noch keine Bilder aus dem Gurlitt-Konvolut restituiert.

Zur Raubkunst- und Restitution wird immer mehr Forschung betrieben, ein ganzer Berufsstand hat sich etabliert. Zugleich aber scheint Forschung Forschung zu behindern. Erleben auch Sie, dass mit dem Argument, es werde geforscht, Archivtüren verschlossen bleiben?Absolut, die Forschung blockiert Forschung. Als Provenienzforscher werden wir häufig behindert, und zwar öfter im In- als im Ausland. In der Schweiz oder in Frankreich werden uns weniger Schwierigkeiten bereitet als in Deutschland.

Im Herbst werden in Auktionshäusern wieder eine Reihe von Werken versteigert, die Restitutionsvorgängen entstammen. Bei einem Südsee-Aquarell von Max Pechstein, das an die Erben des jüdischen Kunsthistorikers Paul Westheim restituiert wurde, taucht sogar der Name Gurlitt auf.Ja, aber nicht Hildebrandt Gurlitt, sondern dessen Cousin Wolfgang. Dieser war ebenfalls Kunsthändler und eine äußerst ambivalente Größe. Er bediente sich unter anderem in erheblichem Umfang aus der Kunstsammlung des Malers Max Liebermann. Im Zusammenhang mit Pechstein aber taucht er als Mäzenat auf: Er gewährte Max und Lotte Pechstein eine Vorfinanzierung der Südseereise.

... wo das Paar gewiss auf ein ursprüngliches Paradies zu stoßen hoffte. Wie ließ sich der Eigentümer ermitteln?Er tauchte bei der Villa Grisebach auf. Die Zugehörigkeit der Papierarbeit zur Sammlung Westheim war ganz simpel durch eine Widmung des Künstlers an den Sammler – „P. Westheim freundschaftlichst zugeeignet HM Pechstein“ belegt.

Zu den Spitzenlosen bei der Auktion der Villa Grisebach am 26. November zählt die Gouache „Stehende Rüstungen“ von Adolph Menzel aus der Wiener Albertina. Sie gehörte Adele Pächter, die 1943 im KZ Theresienstadt starb, wie auch ihr Sohn. Das Bild war für das „Führermuseum“ in Linz reserviert. Wie verlief die Kooperation mit Österreich?
Die Republik Österreich hat, nachdem wir an sie herangetreten waren, den Fall sehr zügig und kooperativ erledigt.

Für welche Parteien sind sie aktiv und wie viele Raubkunstfälle beschäftigen Sie?
Museen, Kunsthändler und jüdische Alteigentümer, die Bilder suchen, treten bei Raubkunstfragen an mich heran. Ich habe Tausende Bilder in Arbeit. Im Fall des erwähnten Pechstein-Aquarells und eines kleinen Menzel-Aquarells, das ebenfalls im Herbst bei Grisebach in Berlin versteigert wird, konnten gütliche Einigungen erzielt werden. Zunehmend fühlen sich auch private Kunstbesitzer aus moralischen Gründen an die „Washingtoner Prinzipien“ gebunden. Das ist eine neue Entwicklung.

Diese Prinzipien wurden 1998 aufgestellt, als freiwillige Selbstverpflichtung, bei NS-bedingt entzogenen Werken eine „gerechte und faire Lösung“ herbeizuführen. Bräuchte man nicht eher etwas juristisch Bindendes?
Ich bin nach wie vor sehr daran interessiert, dass zumindest bei Holocaust-Opfern die laut BGB geltende 30-jährige Verjährungsfrist aufgehoben wird. Dann könnte zum Beispiel das Museum Georg Schäfer in Schweinfurt nicht Dutzende Raubkunstwerke mit dem Hinweis auf Verjährung weiter besitzen.

Von Johanna Di Basi

Kultur Vesselina Kasarova - Die Herzausreißerin
02.11.2014
Kultur „Anna Karenina“ - Der Nebel der Welt
Ronald Meyer-Arlt 02.11.2014