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Kultur In der Zwangsjacke
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17:45 20.10.2013
Starb im Alter von 70 Jahren: Dimiter Gotscheff. Quelle: dpa
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Berlin

„Ich war Hamlet“, sagt Dimiter Gotscheff mit sanftem bulgarischem Akzent. Er rauft sich die langen weißen Haare, rollt die Augen wie ein Wahnsinniger. Dann versinkt er zwischen den Grabsteinreihen, die die Bühne des Deutschen Theaters zum Friedhof machen. Die Inszenierung „Die Hamletmaschine“ (2007), in der Regisseur Gotscheff auch als Schauspieler agierte, markierte den Höhepunkt seiner Abarbeitung an Heiner Müller. In der Nacht zu gestern ist Gotscheff nach kurzer schwerer Zeit im Alter von 70 Jahren gestorben.

Der Intendant des Deutschen Theaters, Ulrich Khuon, schreibt auf der Theater-Homepage von einem „unfassbaren Verlust“. Khuon ehrte Gotscheff, der die Arbeit des Hauses viele Jahre geprägt hat, als „radikal und politisch tief denkenden und empfindenden Regisseur und Mensch.“ Seine „verschmitzte Doppelbödigkeit und Selbstironie“ würden schmerzlich vermisst werden. 

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Gotscheff war einer der beherztesten Arbeiter im Heiner-Müller-Steinbruch. Am Deutschen Theater zeigte er neben der Hamletmaschine und Müllers Übersetzung der "Perser" von Aischylos auch eine Müller-Collage unter dem Titel „GERMANIA.Stücke“ (2004). Diese Inszenierung glich einer Totenbeschwörung germanischer Heroen von Friedrich von Preußen bis zu den Nibelungen. Gotscheff agierte hier wie der Wissenschaftler in Müllers Szene „Et in Arcadia Ego“, der seine Zöglinge (das Publikum) durch ein Irrenhaus (das Theater) führt. Die Figuren auf der Bühne sind Verrückte, die zwanghaft masturbieren oder mit Stimmen im eigenen Kopf streiten. Der Zuschauer wähnt sich am Ende selbst in der Zwangsjacke.

Gotscheff, der 1943 im bulgarischen Parvomei geboren wurde, 1962 nach Ost-Berlin kam und an der Humboldt-Universität Veterinärmedizin und Theaterwissenschaft studierte, kannte Müller noch persönlich. Am Deutschen Theater und an der Volksbühne war Gotscheff Schüler von  Benno Besson. Aus Protest gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns ging er 1979 zunächst nach Bulgarien zurück.

Ab 1993 war er Hausregisseur am Düsseldorfer Schauspielhaus, von 1995 bis 2000 Leitungsmitglied am Schauspielhaus Bochum während der Intendanz von Leander Haußmann. 1991 und 2005 wurde er zum Regisseur des Jahres gewählt.

Mit Gotscheff ist einer der Großen gegangen. Ob bei den Salzburger Festspielen (2012 brachte er dort Peter Handkes „Immer noch Sturm“ zur Uraufführung) oder bei seinen häufigen Gastspielen beim Berliner Theatertreffen: Ohne viel Schnickschnack gelang es dem Regisseur immer wieder, den Kern eines Stoffes bloßzulegen.

Gotscheff war im Gegensatz zu vielen Kollegen kein Einzelkämpfer. Als ihm 2011 der Preis der Stiftung Preußische Seehandlung verliehen wurde, sagte er: „Theater ohne Gemeinschaft kann man nicht machen. Ob es um die Familie geht, eine Truppe oder Schauspieler: Die gemeinsame Reise zu einem Stoff ist die Voraussetzung dafür, Theater zu machen.“

Von Nina May

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