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Kultur Ein Winternachtsschaum
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00:15 15.04.2015
Von Ronald Meyer-Arlt
Einer muss es ausbaden: Tante Ella (Carolin Eichhorst) streitet sich mit Gunhild (Catherine Stoyan) um Sohn Erhart (Mathias Spaan). Quelle: Foto: Katrin Ribbe
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Hannover

Der Skandal liegt lange zurück. Bankdirektor Borkman hatte Geld veruntreut, dafür musste er fünf Jahre ins Gefängnis. Vor acht Jahren wurde er entlassen. Seitdem wandert er in der ersten Etage seiner Zufluchtsresidenz auf und ab, immer auf und ab. Seine Frau hört die Schritte jede Nacht, sie wohnt eine Etage tiefer. Gesprochen haben die beiden seitdem nicht miteinander.

Henrik Ibsens Schauspiel „John Gabriel Borkman“ (das vorletzte Stück, dass er geschrieben hat) spielt an einem einzigen Abend. In dieser Nacht wird alles er- und vieles geklärt. Viel geschieht, aber noch mehr wird geredet. Borkman spricht endlich mit seiner Frau. Deren Schwester - und seine große Liebe von früher - tritt auf, der Sohn wird sich auf seinen eigenen Weg machen - und all die Hoffnungen auf Rache und Rehabilitation werden am Ende zerstört sein.

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Das Stück ist eine große Fallstudie eines Gefallenen. Und es scheint in die Zeit zu passen: Bankenkrise, hochfliegende Pläne, bittere Enttäuschungen - das ist doch sehr von heute. Jedenfalls wirkt es so.

Regisseur Tom Kühnel inszeniert Ibsens "John Gabriel Borkman".

Andererseits ist das auch eine merkwürdig hochfliegende Geschichte. Alle sind so nervös, so ungemein von Ideen befeuert. Alle wollen etwas: Liebe. Rache, Genugtuung. Und immer die große Geste. Alles ist so pathetisch, dass es uns heute doch recht fremd vorkommt. Trotz des Bankenskandals. Wie soll man das Stück heute angehen?

Offensiv. Das dachte sich wohl Tom Kühnel der „John Gabriel Borkman“ (in der Übersetzung von Marius von Mayenburg) jetzt auf der großen Bühne des Schauspiels Hannover inszenierte. Er lässt das Stück aus der Gründerzeit (1896) in der nahen Gegenwart spielen. Im Vordergrund des Wohnzimmers von Gunhild Borkman steht das moderne Repräsentationsmöbel schlechthin: eine Badewanne. Fast ist sie unter einem Gebirgsmassiv aus Schaum verborgen. Wenn Gunhild und die angereiste Ella in diesem Raum ihren schwesterlichen Zickenkrieg austragen, landen sie im Schaumbad. Schon klar. Und zwar punktgenau zum Auftritt von Fanny Wilton, der reichen Dame von nebenan, die Interesse an Erhart zeigt, den Sohn der Borkmans.

Das ist noch recht witzig. Wie Regisseur Kühnel das Pathos nicht wegdrückt, sondern offensiv aufgreift und in Slapstick verwandelt, das hat schon was. Und wenn sich Catherine Stoyan (Gunhild) und Carolin Eichhorst (Ella) erst mit scharfen Worten und dann mit Fingernägeln einen Bitchfight liefern, stellt sich sogar eine Verbindung zwischen Ibsen und Prekariats-TV ein. Das kann ja heutig werden.

Und Borkman? Der sitzt nicht in seiner Zimmerflucht und verfolgt das Weltwirtschaftsgeschehen auf wandgroßen Bildschirmen, sondern lebt allein in einem großen, eher kahlen Raum. Ledersessel, Blumenvase und Spiegel, mehr braucht er nicht; er hat ja seine Träume von Weltereroberung, Reichtum und von früher. Hagen Oechel gibt ihm Wolfs-charme und eine gewisse Öligkeit. Für einen, der vor 13 Jahren des Betrugs überführt wurde, wirkt er erstaunlich jung. Aber: Er hat rein gar nichts von einem Nerd. Und nur wenig Verzweiflung. Er gibt nicht den großen gescheiterten Visionär, sondern eher das Würstchen.

Sein Reich ist mit der Badestube eine Etage tiefer wunderlich verbunden. In der raffinierten Bühnenkonstruktion von Jo Schramm fahren Segmente des Bühnenbildes auf und ab- wenn es um das Phänomen der Schritte von oben geht, ist kurz nur der Fußboden zu sehen, auf dem Borkman hin und her wandert.

Der Witz dieser Fahrten des Bühnenbildes nutzt sich allerdings bald ab - und so ist das auch mit dem Schaumschlachten. Als am Ende Mutter, Tante und Sohn Erhart zu dritt in der großen Wanne landen, ist deutliches Murren im Zuschauerraum zu hören. Viele fühlen sich jetzt - ganz zu Recht - unter Niveau unterhalten. Und das Schlussbild, die Winternacht im Gebirge, wirkt wie eine Übung aus der Schauspielschule: Bitte mal alle ganz übertrieben frieren. Naja. Entsprechend höflich-kühl fällt der Schlussapplaus aus.

Ibsens expressive, hochfliegende, pathetische Geschichte offensiv anzugehen, ist richtig. Mit Übertreibungskunst wäre ihr wohl beizukommen. Mit Übertreibungen allein eher nicht.

Wieder am 14., 24. und 28. April im Schauspielhaus. Karten: (05 11)99 99 11 11.

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