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Kultur Regisseurin Karin Drechsel probt Shakespeares "Hamlet"
Nachrichten Kultur Regisseurin Karin Drechsel probt Shakespeares "Hamlet"
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14:28 16.08.2010
Von Dirk Kirchberg
Karin Drechsel (Mitte) lotet mit Claudius-Ruediger Hellmann (links) und Christoph Götz emotionale Tiefen aus. Quelle: Andreas Hartmann

Hamlet kommt heute nicht. Der dänische Prinz ist erst morgen dran. So steht es auf dem Probenplan. Heute dürfen Claudius, Hamlets Onkel und neuer König von Dänemark, und Laertes, der Sohn von Staatsrat Polonius, noch ungestört an ihrem Mordplan tüfteln. Während Christoph Götz als Laertes mit einer Rose als Degenersatz auf der Bühne seine fatale Attacke übt, improvisiert Rüdiger Hellmann als Claudius: „Wir haben einen Hamlet – und Mittel für drei.“ Drei Mittel – damit meint er den Degen des jungen und rachsüchtigen Laertes; dann wäre da noch die tödliche Tinktur, mit der Laertes die Klinge benetzen will, sowie ein Becher voller Gift, der auf den vom geplanten Gefecht erhitzten Prinzen wartet. Doch heute weilt dieser laut Drehbuch noch in England. Hamlets letztes Stündchen, wie gesagt, schlägt allerfrühestens morgen.

Seit Mitte Juni probt das Ensemble des „Theaters für Niedersachsen“ (TfN) unter der Leitung von Regisseurin Karin Drechsel Shakespeares „Hamlet“. Das Stück um den hadernden Prinzen, der den Mord an seinem Vater eigentlich rächen will, dies aber nicht schafft, dürfte neben Goethes „Faust“ und Lessings „Nathan der Weise“ in Deutschland zu den am häufigsten aufgeführten klassischen Theaterstücken zählen. Immerhin verzeichnete der Deutsche Bühnenverein in seiner jüngsten Werksstatistik William Shakespeare mit 29 Werken als meistgespielten Autor der vergangenen Jahre.

Drechsel, die als Regieassistentin am Thalia Theater mit Jürgen Gosch und Robert Wilson zusammenarbeitete und seit den neunziger Jahren als freiberufliche Regisseurin tätig ist, beobachtet, wie sich die beiden Schauspieler auf der Bühne verbal die Bälle zuspielen. Diese steigern sich von Versuch zu Versuch. Immer lauter und wilder wird ihr Spiel. Als Laertes von Hamlets Mutter Gertrud (Ulrike Lodwig) erfährt, dass seine Schwester Ophelia ertrunken sei, und er daraufhin äußerst emotional in Tränen auszubricht, flucht, um sich schlägt und wutentbrannt von der Bühne stürmen will, unterbricht Drechsel bestimmt: „Nee, nee, nee, nee, keine heiße Luft.“ Drechsel erklärt, dass Götz seinen Laertes, der ja erst seinen Vater und nun auch noch seine Schwester verloren habe, emotional leer anlegen solle. „Du kannst gerade nichts mehr spüren“, erklärt Drechsel die gewünschte Haltung, „Lass alles fallen, der letzte Mensch ist weg.“ Götz solle – statt wutentbrannt über die Bühne zu preschen – die Szene einmal ganz langsam spielen: „Das ist kein heldisches Gefühl.“

Der drahtigen Regisseurin geht es um Personenkonstellationen; sie will Kraft- und Spannungsfelder erzeugen und lässt den Schauspielern dafür Raum, lässt sie Tiefen des Themas ausloten. „Umwege muss man gehen, um wieder in die Spur zu finden“, sagt sie.

Hamlet und die dramatischen Ereignisse rund um den jungen Mann, der zwischen Gehorsam gegenüber dem Geist seines ermordeten Vaters und seinem Gewissen hin- und hergerissen ist, böten sich für aktuelle Bezüge an. „Das Erstaunliche ist, dass das Stück das alles mitmacht“, sagt Drechsel begeistert, „Hamlet funktioniert in einer Demokratie. Es funktioniert aber genauso in einer Diktatur.“ Ihr sei vor allem wichtig, dass Hamlet kein Spielball der Geschehnisse , kein Opfer ist: „Er entscheidet sich, zu bleiben. Er hätte ja auch nach Wittenberg zurückkehren können.“

Für Drechsel steht fest, dass ihre „Hamlet“-Version eine aktuelle sein muss: „Jedes Stück findet heute statt. Fürs Museum kann man doch nicht arbeiten.“ Möglicher Kritik an ihrer „Hamlet“-Ausgabe sieht die streitbare Dame gelassen entgegen: „Das ist wie bei 80 Millionen Bundestrainern – jeder weiß, wie es geht.“

Zusammen mit der Dramaturgin Cornelia Pook und der Bühnen- und Kostümbildnerin Julia Hattstein hat Drechsel vereinbart, dass die Ausstattung möglichst spartanisch ausfallen soll. Eine Reihe von Klappen, durch die sowohl Requisiten als auch Charaktere die Bühne betreten und verlassen können, erinnern an Kühlfächer in einer Pathologie. „Den Hof des Todes“ nennt Drechsel dieses Set-up. Der Tod soll stets präsent sein. So wurde er in Drechsels Inszenierung zu einem eigenen Charakter, der nicht ins Lächerliche abgleiten darf. „Es gibt heute doch keine reale Vorstellung mehr von Leid und Schmerz“, sagt Drechsel. Morde funktionierten, „solange wir sie nicht sehen“. Dieses Motiv nennt die Regisseurin die „abstrakte Bombe“, die man zwar bedenkenlos abwerfe, weil man die Folgen nicht sehe. „Solange wir persönlich nicht bedroht werden, ergibt sich für uns doch kein Handlungsbedarf.“ Beim Duell Mann gegen Mann sei das schon eine ganz andere Geschichte.

Dann plötzlich scheint das Leben das fiktive Spiel einzuholen und übertreffen zu wollen: Rüdiger Hellmann, der als Claudius für Drechsel „den Superintriganten, eine Ikone des Kapitals à la Ackermann“ gibt, greift sich an die Brust, schnauft, flüstert: „Mir ist schlecht.“ Die Szene gefriert, Unsicherheit macht sich breit: echte Herzattacke? Kurz vorm Notruf fragt Drechsel Hellmann: „Ist das jetzt gespielt?“ Hellmann sitzt zusammengesackt auf der Bühne, hebt langsam den Kopf, lächelt. Alles klar, ein Umweg, ein emotionaler Test, alles nur gespielt. Das aber lebensecht.

Ab Sonnabend, 18. September, im Stadttheater Hildesheim; am Sonnabend, 2. Oktober, und Dienstag, 5. Oktober, im Theater am Aegi in Hannover.

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