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Kultur „Kafka ist einfach unerschöpflich“
Nachrichten Kultur „Kafka ist einfach unerschöpflich“
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08:48 28.10.2014
Von Martina Sulner
Foto: Ausgehfein: Franz Kafka, um 1920 in seiner Heimatstadt Prag.
Ausgehfein: Franz Kafka, um 1920 in seiner Heimatstadt Prag. Quelle: dpa
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Hannover

Herr Stach, nach 18 Jahren haben Sie jetzt Ihre 2000 Seiten starke Kafka-Biografie vollendet. Empfinden Sie eine Art Trennungs- oder Abschiedsschmerz?
Zum Glück nicht, und dafür gibt es ja auch keinen Anlass. Denn ich bleibe weiterhin und vermutlich noch für lange Zeit beim Thema, habe sehr viele Lesungen, halte Vorträge über Kafka, auch an Gymnasien, ich kümmere mich um künftige Übersetzungen der Biografie, ab Mai nächsten Jahres mache ich Führungen in Prag - Kafka bleibt also gegenwärtig. Von ihm verabschiedet man sich nicht in derselben Weise, wie etwa der Autor eines Romans sich von seinen Figuren verabschiedet.

Warum hat ausgerechnet dieser Schriftsteller Sie so interessiert, dass Sie viele Jahre über ihn geforscht und geschrieben haben?
Kafka ist einfach unerschöpflich. Er ist der einzige Autor, bei dem ich niemals das Gefühl hatte, je mit ihm fertig werden zu können. Und die Intensität seiner Texte - auch die Heftigkeit, mit der er die Leserschaft bis heute polarisiert - hat etwas Geheimnisvolles. Das provoziert immer wieder dazu, tiefer in dieses Geheimnis eindringen zu wollen. Daneben gab es aber von Anfang an auch eine grundlegende Sympathie, die sich noch steigerte, nachdem ich seine Tagebücher und Briefe gelesen hatte. Kafka ist nicht nur intellektuell faszinierend, er ist daneben auch charmant, witzig und oft rührend einfach. Vor allem aber ist er wahrhaftig. Er macht sich nichts vor, beruhigt sich nicht mit billigen Kompromissen, ist gänzlich immun gegen Phrasen. Das gefällt mir.

Was hat Sie bei Ihrer langen Beschäftigung mit ihm denn am meisten überrascht?
Man muss sich klar machen, dass alle diese positiven Eigenschaften, die ich eben aufzählte, auf dem Boden eines unsicheren, ängstlichen, tief neurotischen Charakters erwuchsen. Er hat das niemals ganz ablegen können, aber es ist unglaublich, mit welcher Energie sich Kafka aus dieser innerlich so gedrückten Existenz schließlich freikämpfen und seinen eigenen Weg suchen konnte. Diese Leistung habe ich erst nach und nach verstanden - vermutlich, weil auch ich von den alten Vorstellungen eines lebensunfähigen Kafka noch unbewusst beeinflusst war.

Manche Zeitgenossen Kafkas erscheinen einem beim Lesen veraltet, seine Texte hingegen wirken nahezu modern. Woran liegt das?
Bei Kafka geht es offenbar um grundlegende Erfahrungen und Ängste, die über alle geschichtlichen Epochen hinweg aktuell bleiben, und er verleiht diesen Erfahrungen eine moderne Gestalt, die uns nahegeht.

Was meinen Sie damit genau? In welchem Text finden Sie das?
In seinem Roman „Das Schloss“ schildert Kafka die vergeblichen Versuche eines Mannes, in eine dörfliche Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Dieses Thema - der Wunsch nach Gemeinschaft, die Angst vor dem Alleinbleiben - ist übergeschichtlich, jeder Mensch in jeder Kultur kann das verstehen. Bei Kafka kommt aber noch hinzu, dass die Mächte, gegen die der Mann sich stemmen muss, kein Gesicht haben. Sie zeigen sich nicht, man kann nicht mit ihnen reden. Das kennen wir aus der Moderne, in der wir es häufig mit bürokratischen Systemen zu tun haben und wo niemand mehr weiß, wer eigentlich zuständig und verantwortlich ist.

Wie kafkaesk war das Leben Franz Kafkas?
Ich mag diesen modischen Begriff eigentlich nicht, aber tatsächlich hat es in Kafkas Leben etliche sonderbare Ereignisse und Zufälle gegeben, die er selbst nicht besser hätte erfinden können. In der Erzählung „Das Urteil“ wird ein Vater geschildert, der seinem Sohn vorwirft, er sei auf die billigen Verlockungen einer Frau hereingefallen. Sieben Jahre später spielte Kafkas eigener Vater diese Szene sozusagen nach, ohne es zu bemerken. Eine kafkaeske Anekdote ist auch die von dem Orden, den Kafka eigentlich hätte bekommen sollen, weil er sich um das Schicksal von Kriegsversehrten sehr gekümmert hatte. Genau in dem Moment, da Österreich-Ungarn ihm diesen Orden verleihen wollte, hörte dieser Staat auf zu existieren. Die Komik des Scheiterns, dafür hatte Kafka ein besonderes Gespür.

Zur Person

Reiner Stach, geboren 1951 in Sachsen, hat in Frankfurt am Main Literaturwissenschaft studiert und 1985 über Franz Kafka?(1883–1924) promoviert. Er arbeitete einige Jahre als Lektor für S. Fischer, Rowohlt und Metzler und hat 1996 die Arbeit an seiner großen Kafka-Biografie begonnen. Der erste Band, „Die Jahre der Entscheidung“, erschien 2002; vor Kurzem ist der Abschlussband, „Die frühen Jahre“ (S. Fischer Verlag, 608 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, 34 Euro) herausgekommen. Der Publizist, der in Berlin lebt, hat Tagungen und Ausstellungen über den Prager Schriftsteller kuratiert und betreut die Website www.franzkafka.de beim S. Fischer Verlag.

Am morgigen Mittwoch, 19 Uhr, präsentiert Reiner Stach den Abschlussband seiner hochgelobten Biografie auf dem Hermannshof in Springe-Völksen, Röse 33. Die Literaturkritikerin Sigrid Löffler wird die Veranstaltung moderieren. Informationen zur Lesung und Kartenreservierung unter Telefon (05041) 776485.

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